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Bundestrainer Jürgen Klinsmann steht nach dem Debakel im Test-Spiel gegen Italien im Kreuzfeuer der Kritik

21.09.2008 Werder Bremen watscht den FC Bayern München ab: Jürgen Klinsmann lacht trotzdem

2:5-Klatsche zum Wies`n Start

Seit über dreißig Jahren hat der FC Bayern München  vor eigenem Publikum nicht mehr so viele Gegentore kassiert. Damals war es ebenfalls zum Wies´n-Auftakt der Revierclub Schalke 04, der den Bayern mit einem 7:0-Sieg die Lederhosen ausgezogen hat. Doch 1976 lachte der Trainer nach dem Spiel nicht, anders als Jürgen Klinsmann nach der 2:5-Klatsche am vergangenen Samstag gegen Werder Bremen.

Auf die Nachfrage, wie eine Spielanalyse nach dem Münchner Debakel gegen Werder Bremen aussehen müsste, lachte Kaiser Franz Beckenbauer nur kurz: "Das nutzt gar nichts. Um die vielen Fehler zu analysieren fehlt uns einfach die Zeit. Heute war so ziemlich alles falsch, was die Bayern gemacht haben", erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München nach der Partie im Premiere-Interview. Auch der Ex-Bayer Claudio Pizarro zog ein ähnliches Fazit: "So leicht wie wir hier heute kann man ein Spiel nur selten gewinnen. Wir hatten einfach den Willen dazu", erklärte der erst vor dieser Saison an die Weser zurückgekehrte Peruaner.

5 Watschn ohne Halleluja


Zuvor waren die Bayern vor eigener Kulisse förmlich auseinander genommen worden. Bereits nach 30 Minuten ging Werder Bremen durch Markus Rosenberg in Führung. Bei einem Steilpass von Memut Özil hoben sowohl Martin Demichelis als auch der zurückgeeilte Daniel van Buyten das Abseits auf. Anschließend konnte Michael Rensing den  meilenweit enteilten Werder-Stürmer nicht halten, der Ball trudelte an den Beinen des Bayern-Keepers ins lange Netz. Auch beim zweiten Gegentreffer sah die sonst so hoch gelobte Verteidigung schlecht aus. Nach einem Özil-Freistoß in der 45. Minute standen plötzlich vier Mann alleine vor Rensing, die komplette Hintermannschaft des FC Bayern stand wie zum Cafekranz versammelt innerhalb weniger Meter in aller Seelenruhe beisammen. Naldo konnte den von Rensing nur nach vorne abgewehrten Freistoß vollkommen freistehend und ohne Bedrängnis schließlich zum 2:0 verwehrten.

Nach der Pause stellte Klinsmann seine sichtlich überspielte Mannschaft um. Außer Mark van Bommel und Lukas Podolski waren alle anderen Spieler in den vergangenen vier Spielen von Beginn an aufgelaufen, von großer Chancengleichheit mit den Neuzugängen war bisher in München wenig zu sehen. Doch nun hatte Klinsmann endlich ein Einsehen und wechselte den desolaten Christian Lell für Massimo Oddo, sowie den müde wirkenden Ze Roberto für den Ex-Bremer Tim Borowski aus. Anschließend lief der Ball bei den Bayern zumindest nach vorne besser, auch wenn der eigene Kasten weiterhin offen wie ein Scheunentor war. Wiederum war es Özil, der maßgeblich daran beteiligt war, dass die Münchner unter den Augen des immer noch verletzten Franck Ribèry jede Hoffnung auf eine Aufholjagd aufgeben mussten. Der junge Deutschtürke war in der 54. Minute an der Strafraumgrenze angespielt worden, fackelte nicht lange und nagelte den Ball unter die Latte ins kurze Eck des Bayern-Tores.

Rensing wackelt, Werder Bremen macht alles wieder gut

Bis dato hatte Werder Bremen gerade einmal vier Torschüsse abgegeben. Was in der Champions League gegen Famagusta niemals ins Tor gegangen wäre, gegen die Münchner Bayern klappte es. Allerdings sorgte dafür auch ein desolater Michael Rensing. Nach den Gegentoren 1, 2, und 3 mandelte sich der lediglich 1,85 m große Torwart noch auf, schimpfte seine Innenverteisigung aus. Doch spätestens nach Nummer 4 und 5 schlich auch der 24-Jährige wie ein begossener Pudel über den Platz. Beim 0:4 von Rosenberg in der 67. Minute unterlief der Bayern-Torwart einen Flankenfreistoß, beim 0:5 von Pizarro brauchte Rensing eine gefühlte halbe Stunde, um im Mann gegen Mann auf den Boden zu kommen. Inzwischen hatte der Peruaner den Ball schon lange durch die müden Arme des Münchner Keepers ins Netz geschoben.

Damit war das Münchner Debakel nach gut 70 Minuten bereits besiegelt. Lediglich die eingewechselten Oddo, Borowski und Sosa sorgten wenigstens für ein wenig bayerischen Angriffswirbel. So traf der Ex-Bremer Borowski in der 71. und 85. Minute zumindest noch zur Kosmetik-Verschönerung. Doch die beiden Tore konnten über die großen Probleme der Münchner nicht hinwegtäuschen: Kahn-Nachfolger Rensing war schwach, die Innenverteidigung zu langsam, das Mittelfeld zu müde und der Sturm Toni/Podolski einfach zu schlecht im Abschluss. Weder die zu Beginn zu sehende Dreierkette noch die nach der Pause eingeführte Viererkette half, um die Bremer auch nur annähernd in Bedrängnis zu bringen.

Werder Nachwuchs besser als Podolski und Co.

Im sonntäglichen Doppelpass auf DSF brachte Ex-Bayern-Trainer Udo Lattek die Problematik auf den Punkt: "Dreierkette, Viererkette oder Halskette. Das ist doch alles egal. Die Spieler müssen laufen und der Trainer muss gutes Material zum Arbeiten haben. Sonst nutzt keine Taktik der Welt was." Über mangelnde Klasse an Spielern kann sich Klinsmann nicht beschweren, über die müden Beine seiner Kicker wohl eher schon, obwohl der Trainer ohne ein passendes Rotationsprinzip a la Hitzfeld selbst viel dazu beiträgt.

Doch das bayerische Problem in dieser Saison ist ein anderes. Gegen spielstarke Gegner wie den Hamburger SV, Borussia Dortmund oder jetzt Werder Bremen fehlt die Kompaktheit der Mannschaft. Wenn dann die wenigen Chancen von den Stürmern nicht genutzt werden, fällt bei der offensiven Ausrichtung irgendwann ein Gegentor. Es folgen magere Unentschieden oder blamable Niederlagen wie am vergangenen Samstag. Zudem ist so manch ein bayerischer Ersatzspieler wohl kaum sein Geld wert. Schon seit Wochen motzt Lukas Podolski über seine Reservistenrolle, spielt er dann von Beginn an, bleibt der Ex-Kölner über 90 Minuten trotzdem beinahe vollkommen unsichtbar.

Bremen kann und will Meister werden


Ganz anders sieht das bei den Bremern aus. Trotz latenter Verletzungsproblemen kommen die Nordlichter langsam in Fahrt. Mit Torsten Frings, Hugo Almeida und Clemens Fritz fehlen wichtige Spieler im System-Schaaf, doch die Ersatzspieler können die Lücken mühelos füllen. Egal wer spielt, das konsequente 4-4-2 von Werder füllen Schaffs Schützlinge gekonnt aus, so wie beispielsweise die beiden Matchwinner Özil und Rosenberg oder der Nachwuchsnationalspieler Aaron Hunt. Sitzen jene Spieler nach der Genesung der ersten Werder-Garnitur dann wieder auf der Bank, hört man kein Murren und Brummen a la Podolski, sondern nur wilde Willensbekundungen im Kraftraum am Werder-Trainingsgelände.

„Mit dieser Mannschaft können wir Meister werden", erklärte Bremens Manager Klaus Allofs nach der Partie. Bayern-Trainer Klinsmann gab sich nach dem Abpfiff hingegen  kleinlaut: „Wir müssen anerkennen, dass Bremen heute besser war. So eine Niederlage tut natürlich richtig weh." Nicht einmal die Maß Bier auf dem Münchner Oktoberfest wollte Klinsmann schmecken: „So schal hat das Bier noch nie geschmeckt", erklärte der Trainer traurig. Doch Kinsmann wäre nicht Klinsmann hätte er nicht wenige Stunden nach dem unvergleichlichen Debakel wieder sein Sonnenstrahl-Lächeln aufgesetzt und die Spieler zu neuen Höchstleistungen motiviert: „Wichtig ist, schnell wieder aufzustehen und vielleicht stärker als je zuvor zurückzukommen." Am kommenden Mittwoch im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg haben die Münchner auch schon die erste Möglichkeit dazu, vielleicht schmeckt dem Trainer dann das Nationalgetränk der Bayern, die Wies`n-Maß, wieder wie gewohnt.






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