Zugegeben; anfangs i was not amused als ich vernahm, dass Karl-Theodor zu Guttenberg neuer Bundeswirtschaftsminister wird. Sein Aufstieg, innerhalb von nur drei Monaten vom CSU-Generalsekretär zu einem der wichtigsten Minister in Berlin, erschien mir dann doch etwas zu rasant. Man kann nur hoffen, dass aus dem soliden Freiherrn kein Seehofer-Bauernopfer wird, und er sich als tolle Chance für alle entpuppt.
Die Frage, ob er wohl für Meinesgleichen Politik macht, stellte ich mir nur eine Nanosekunde. Es ist nämlich relativ egal. Ob er 10, 11 oder 17 Vornamen hat, ist ebenfalls egal. Welch Glück für ihn. Er wurde zur Konfirmation mit Sicherheit reichlich beschenkt. Das er gerne zur Jagd mit anschließenden meist üblichen Hubertusgottesdienst geht, obwohl er als Katholik wissen sollte, dass Jesus lehrte, dass man nicht zum Spaß und der Prestige wegen auf Tiere schießt, sondern weil man hungrig ist, und zwar nicht nach Macht sondern Nahrung, ist die übliche Doppelmoral des Spiels mit der Religion und dem politischen Machtkalkül, und letztlich auch egal. Weil das, verehrte Leser und Leserinnen, wird sich einfach niemals verändern - zumindest solange, wie wir von Stolz, Macht, Gier und aus dem falschen Glauben heraus getrieben werden, agieren zu müssen.
Dass sein Credo "Nicht der Name zählt, sondern Leistung" in Deutschland immer schon etwas wert war, ist zwar sehr logisch ist, soweit aber auch egal. Dass er bei Versammlungen grundsätzlich jedem die Hand schüttelt, ist auch egal. So etwas macht inklusive Hofknicks sogar der Dalai Lama. Dass sein Urgroßonkel Karl Ludwig ein Widerstandskämpfer gegen Hitler war und von der Gestapo ermordet wurde, ist tragisch, tut aber wie die Tatsache, dass seine Vorfahren Fürstbischöfe waren, auch wenig zur Sache. Das sein Großvater Karl Theodor Staatssekretär war, ist noch egaler. George W. Bush war auch der Sohn seines Vater - und was haben die beiden in Gottes Namen alles angerichtet.
Dass Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck sein Vetter ist und Karl-Theodor zu Guttenberg den Scientologen Tom Cruise während der Stauffenberg-Dreharbeiten coachte, ist ebenso egal, wenn man bedenkt, welch Aufsehen Oliver Pochers Fernsehauftritt in Stauffenberg-Uniform neulich in Deutschland immer noch auslöste. Dass er eine Vorliebe für englische Samtjacketts, Wildlederschuhe, Rollis, Levis-Jeans hat ist erfreulich, aber extrabesonders egal.
Dass sein Lieblingsauto die Marke Audi ist, ist auch egal, zumal sich diese Tatsache aber so etwas von überhaupt nicht auf den Aktienkurs ausgewirkt hat. Dass ihn seine Freunde, natürlich die von Seinesgleichen, KT nennen dürfen, und dass dies nun das Pseudonym all jener werden wird, die ihm dadurch Freundschaft signalisieren wollen, dürfte auch soweit egal sein. Vor allem seit KHG (Karl-Heinz-Grasser, ehemaliger österreichischer Finanzminister).
Nicht bomassel, also egal, ist allerdings die Tatsache, dass KT ein Kenner von moderner Kunst zu sein scheint und deshalb versteht, dass es die Kunst sein wird, welche die Begrifflichkeit der sozialen Marktwirtschaft, also zwei scheinbar unvereinbare Gegensätze, miteinander zu verbinden vermag. Das wird nicht einfach, aber möglich, und ist einen Versuch wert. Eine gezielte 100-Tage-Agenda könnte dazu dienlich sein.
Ferner nicht bomassel ist die Tatsache, dass heute scheinbar kein intelligenter Mensch freiwillig sich berufen fühlt, in die Politik zu gehen, dass das Parteiensystem abschreckend ist, dass Parteienproporz und Fragen, ob jemand aus Unterfranken kommt, wichtiger sind als Fachwissen. Und das als Konsequenz dessen, dass ein 37-Jähriger zum Minister-Frankenblitz mutieren kann.
Außerdem scheint nicht egal zu sein, dass der neue Bundeswirtschaftsminister begnadet Klavier spielt, mal Pianist werden wollte, und aus irgendwelchen Verstrickungen heraus vielleicht und traurigerweise seine Berufung verfehlte und nun fremdbestimmt auf dem Parkett der Politik spielt. Bekanntlich ist es der Tonal in der Stimme, der die Musik macht. Who knows.
Menschenführung, Autorität und Charisma sind wichtiger als die Detailkenntnis einer Bilanz. Deshalb geben wir KT eine Chance, denn er ist eine Chance für alle.
WÖRTERBERG
Potamoisi toisi autoisi embainusin, hetera kai hetera hydata epirei.
oder:
Denjenigen, die in dieselben Flüsse steigen, fließen immer wieder neue Wasser entgegen.
Petra Augustyn