Als Horst Seehofer am gestrigen Montagabend zum Hessen-Debakel kritisch anführt, „dass man auf einen Wortbruch keine Politik gründen kann", steht ein Mann mit auffallend jungem Gesicht wie angewachsen neben ihm. „Herr zu Guttenberg, wie beurteilen Sie die Situation?", will ein Reporter wissen. Karl-Theodor zu Guttenberg, gerade zum CSU-Generalsekretär berufen, antwortet aus einem Guss: „Lügen haben kurze Beine". Wer aber ist Guttenberg wirklich: Seehofers zahmes Hündchen - oder ein brüllender Löwe?
Die Erwartungen sind hoch: Vom Nachfolger der glücklosen Christine Haderthauer, die nun als Sozialministerin das bayerische Kabinett komplettiert, wänscht sich der bayerische Ministerpräsident eine „dialogorientierte Politik" und einen kompromissfähigen Politikertyp, „der in unserer Zeit notwendig ist". An Guttenberg, der als großes Talent innerhalb der CSU gilt, schätzt Seehofer, dass dieser einen solchen dialogorientierten Politikansatz verfolge. Nicht zuletzt soll Guttenberg und seine kompromissfähige Persönlichkeit dazu beitragen, die zerrissene Partei zu einen.
Guttenberg, verheiratet und Vater zweier Kinder, sieht sich selbst als Verkörperung dieses neuen Politikstils: „Wir müssen deutlich machen, dass Politik über das Poltern hinausgeht", so der erst 36-jährige Jurist. Das „Holzende, Rumpelnde, Polternde liegt mir nur bedingt. Ich werde Wert darauf legen, nicht nur als Politiker wahrgenommen zu werden, sondern als argumentativer Politiker." Es gehe um eine neue „erklärende Politik", die verständlicher und „näher am Bürger" sein soll.Die CSU müsse sich mehr anstrengen, beschlossene Dinge in der Öffentlichkeit zu erklären. Und auch innerhalb der Partei müsse der Dialog gesucht und ein vermehrter Austausch über Emotionen stattfinden. Denn Zusammenhalt könne man nicht befehlen, so der Neue an der Seite des bayerischen Ministerpräsidenten.
Als eines seiner großen Ziele nennt der Bundestagsabgeordnete, der seit 2002 im deutschen Parlament sitzt und zuletzt bei seinem Direktmandat in Kulmbach 60 Prozent erreichte, die CSU stärker auf der bundespolitischen Ebene zu etablieren. Die CSU sei „keine Regionalpartei". Es müssten deutlichere Akzente in der Bundespolitik gesetzt und der „internationale Anspruch weiter geltend gemacht" werden.
Innerhalb der CSU will Guttenberg das Profil seiner Partei stärken und die traditionellen Werte betonen: „Wir müssen darauf achten, dass unser wertebewusstes Profil erhalten bleibt." Die CSU stehe schließlich vor einem Jahr, in dem sie sich strategisch gut aufstellen müsse. Die „geglückte Verbindung von Tradition und Moderne, basierend auf einem christlich abendländischen Wertefundament" sei es, was Guttenberg an Bayern schätze. Eher das Hündchen also?
Als ehemaliger Vorsitzender des Fachauschusses Außenpolitik der CSU und rüstungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion erschien Guttenberg bisher im Gewand des außenpolitischen Experten auf der politischen Bühne. Im Bundestag fiel Guttenberg erstmals im Juni 2007 auf, als er mit dem SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose ein Papier verfasste, das sich mit der Entsendung von Bundeswehrausbildern in den umkämpften Süden Afghanistans befasste.
Der Eklat daran: Das Papier war mit den Außenpolitikern in der Unionsfraktion nicht abgestimmt. Der Ruf eines unangepassten Einzelgängers, der sich nicht immer der Parteilinie unterwirft, folgte auf dem Fuß.
Dieser Ruf scheint in der Familie zu liegen. Auch der gleichnamige Großvater Karl Theodor zu Guttenberg, parlamentarischer Staatssekretär unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger Ende der sechziger Jahre, galt als einer der wenigen, die sich trauten, dem großen Franz Josef Strauß zu widersprechen. Einige Weggefährten des jungen Guttenbergs, ein Nachkomme eines 900 Jahre zurückreichenden fränkischen Adelsgeschlecht, das einst die Fürstbischöfe in Würzburg stellten, behaupten, er erinnere „schon sehr an seinen Großvater".
Hat Seehofer mit der Wahl Guttenbergs zum Generalsekretär also ein Eigentor geschossen? Guttenberg gilt innerhalb der Partei zumindest als nicht unumstritten. Ein CSU-Vorstandsmitglied monierte beispielsweise ein Zuviel an „adeliger Noblesse" und ein Zuwenig an „CSU-Stallgeruch". Doch eins hat Guttenberg bereits gezeigt: Mit ihm ist immer zu rechnen.
Bei der Wahl zum Vorsitzenden des CSU-Bezirkes Oberfranken schien 2007 alles klar, und auch der damalige CSU-Chef Huber zweifelte nicht, dass sich der um über zehn Jahre ältere Hartmut Koschyk durchsetzen würde. Guttenberg aber gab nicht auf und hielt eine fulminante Rede, die die Leute mitriss. Das Ergebnis: Die Delegierten wählten ihn mit deutlicher Mehrheit zum oberfränkischen Bezirksvorstand. Dieser politische Kampferfolg war es, den kein Geringerer als der bayerische Landesfürst Horst Seehofer zur Geburtsstunde eines „gewaltigen politischen Talents" emporhob. So leicht, wie sich der Ministerpräsident die Zusammenarbeit mit dem neuen Hoffnungsträger der CSU vorgestellt hat, wird es möglicherweise aber nicht werden. So will es sich Guttenberg nach jüngsten Aussagen nicht nehmen lassen, „auf klare Worte zu verzichten." Der Löwe hat gebrüllt.