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08.07.2010 Internationale Pressestimmen nach Deutschland Spanien: 'Löw muss umdenken'

Aufbruch zu neuen Ufern

Die internationalen Pressestimmen haben bei Deutschland nach der Niederlage gegen Spanien eine zu starke defensive Ausrichtung ausgemacht, die Joachim Löw nun beheben muss.

Neue Hausaufgaben: Internationalen Pressestimmen zufolge muss Fußball-Deutschland noch einen Zahn zulegen, nachdem Spanien die DFB-Elf im WM-Halbfinale besiegte.

Über weite Passagen des Spiels am vergangenen Mittwoch beschränkte sich die Mannschaft von Joachim Löw darauf, Schlimmeres zu vermeiden. Das spanische Mittelfeld legte eine taktische Meisterleistung hin, und erstickte die meisten deutschen Passmanöver im Keim. Allerdings vermittelten die Spieler um Kapitän Philipp Lahm auch den Eindruck, dass sie nicht aufs Ganze gingen, kostbare Sekunden gingen nach jedem Ballempfang verloren und gaben den letztlich siegreichen Halbfinal-Rivalen immer wieder die Chance, sich neu zu formieren.

Die internationalen Pressestimmen befassen sich deshalb nach der Niederlage gegen Spanien auch intensiv mit Deutschland, das zuvor alle spielerisch vom Hocker gerissen und allenthalben für Anerkennung gesorgt hatte. In Mailand schreibt die Tageszeitung 'Gazzetta dello Sport': "Deutschland hatte dank der Vorarbeit von Trainer Del Bosque kaum eine Möglichkeit zum Konter. Löw hatte Recht, nur mit Offensiv-Fußball hätte Deutschland sich Hoffnungen auf den WM-Titel machen können."

Zwar falle die WM-Bilanz insgesamt positiv aus: "Die Deutschen haben uns freudig überrascht, sie haben den traditionellen Modus deutschen Fußballs verlassen und drei tolle Siege gegen Australien, England und Argentinien hingelegt. Ihre Zukunftsaussichten sind ohne Weiteres rosig."

Allerdings müsse das Team Joachim Löw noch gründlicher aus den eigenen Fehlern lernen: "Tatsache ist allerdings, dass sie zwei Jahre nach dem verlorenen Endspiel bei der EM gegen Spanien mehr oder weniger dieselbe, defensive, Partie hingelegt haben. Zwar fehlte Thomas Müller, das kleine große Talent, aber das reicht bei weitem nicht aus, um die allgemeine Lähmung zu rechtfertigen, die fast jener Angst gleichkam, die kleine Teams befällt, wenn sie im Camp Nou mit Haut und Haaren aufgefressen werden. Einen Fehler zu erkennen, ohne ihn zu beheben, ist kein großer Fortschritt."

In Tokio musste auch die Tageszeitung 'Nikkei' eine gewisse Initiativlosigkeit auf deutscher Seite feststellen: "Es war, als sei in den Köpfen der deutschen Spieler die Erinnerung an die ernüchternde Niederlage im EM-Finale vor zwei Jahren eingraviert. Deutschland konnte keine Bälle erobern, während die Spanier gelassen ihr Pass-Spiel inszenierten. Deutschlands überragende Stärke in diesem Turnier lag darin, nach einem blitzschnellen Vorstoß den Angriff mit einer Überzahl von Spielern zu gestalten. Dieses Vorgehen hat Spanien zu vereiteln gewusst."

Auch die 'Rzeczpospolita' aus Warschau findet, dass Deutschland unterhalb der eigenen Möglichkeiten geblieben sei: "Sie haben gelitten. Sie können nicht von sich behaupten, alles getan zu haben. Nun spielen sie um Platz drei. Hätte man ihnen das vor einem Monat vorausgesagt, hätten sie sich sicher gefreut. Nach diesem Turnierverlauf wollten sie aber mehr."

Die 'Volkskrant' aus den Niederlanden sieht ihrerseits eine gewisse Steigerung im Vergleich zu vor zwei Jahren: "Die Deutschen mussten feststellen, die Kluft zwischen sich und dem Europameister verkleinert, aber nicht geschlossen zu haben." Der 'Independent' aus London urteilte: "Es hat sich gezeigt, dass Deutschland das übrige Europa doch nicht so ungeheuer stark distanziert hat. Gegen das Chaos von England und Argentinien zeigten sie Klasse. Gegen das dicht gestellte Mittelfeld der Spanier ging die Sache anders aus."

In Deutschland selbst befasst sich die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' hingegen mit dem latenten Rollenkonflikt zwischen Philipp Lahm und Michael Ballack: "Auf dem Speilfeld möchte Kapitän Lahm die Binde nicht mehr freiwillig zurückgeben. Darin drückt sich neben persönlichem Ehrgeiz auch der Wunsch aus, die neue, flachere Hierarchie nicht mehr preisgeben zu wollen. Die steile Hierarchie passt nicht mehr zu einer Spielstruktur, die einen einzigen Leitwolf und Spielgestalter nicht mehr kennt. Eine Pyramide als Organisationsstruktur ist im modernen Fußball ein Zeichen von gestern."

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