Germany's Next Topmodel polarisiert. Obwohl die Quoten konstant hoch sind, regt sich erster Widerstand gegen die angebliche Model-Züchtungsshow von der gewieften Geschäftsfrau Heidi Klum. Dr. Roger Willemsen, Intellektueller von Beruf, und Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer greifen die Model-Mama scharf an - und sehen eine maßlose Verdummung.
In der ‘taz' ledert der sonst so besonnene Willemsen munter drauf los: "Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln - wenn es nicht bloß so frauenfeindlich wäre." Und weiter: Heidi sei eine "Domina", eine "unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil", die "kleine Mädchen zum Weinen" bringt. Im Allgemeinen ist der Tenor vernichtend, die Casting-Show ‘Germany's Next Topmodel' beschäftigt sich mit Nichtigem, schafft Nichtigkeit und ist damit selbst absolut profan und eben nichtig.
"Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre strenge Entscheidung mitteilt, und wertes von unwertem Leben scheidet", attestiert Willemsen den Untergang der Welt hervorgerufen durch die Bewertung eines Menschen rein durch sein Äußeres - wie schon so viele vor ihm in der Geschichte.
Mit dieser Zuspitzung trifft Willemsen einerseits zwar voll den Punkt, aber muss die Moralisierung sein? Ist Heidis Witz nicht erfrischend? Wo früher Stars aus dem nichts aufgrund eines besonderen Talents oder aufgrund ihrer spezifischen Verrücktheit ins Rampenlicht mehr zufällig gespült wurden, können sie heute genau jenes Licht suchen. Im Unterhaltungsprogramm am Vorabend. Kandidaten werden sukzessive darauf getrimmt, erzogen, in eine Richtung gedrängt und damit natürlich irgendwie gezüchtet - das alles unter dem Deckmantel des freien Willens. Aber wenn die Mädchen doch wirklich Topmodel werden wollen?
Die erste Regel aller Casting-Shows ist: Star-sein ist schwer, du musst professionell sein und alles deinem Erfolg unterordnen. Das Lernen die potentiellen Superstars schnell. Sonst hast du keine Chance und fliegst gleich in der zweiten Runde heraus. Wie frei eine 16-Jährige auf diese Ansage jedoch reagieren kann, obwohl ihr der große Ruhm versprochen scheint, ist natürlich fraglich. Einen Jugendschutz oder ein Auftrittsverbot für zu laszive Szenen gibt es in diesem Bereich trotzdem nicht - sonst könnte die Zielgruppe der jungen und noch formbaren Mädchen ja gar nicht erreicht werden.
Auf der anderen Seite kann im Verlauf einer der zahlreichen Castingshows ein wahrer Quantensprung im Persönlichen von Statten gehen. Scheinbar unscheinbare Menschen blühen auf, sei es bei DSDS, dem Supertalent oder bei den Topmodels. Alle machen ihre Entwicklung durch, vielleicht schneller als im realen Leben wie im Zeitraffer. Wo früher langsame Entwicklungen und Jahre der Eingewöhnungszeit den Umgang mit dem Blitzlichtgewitter erlernbar machten, hypen heute Millionen von Zuschauern in kürzester Zeit vollkommen Unbekannte zu riesigen Über-Super-Mega-Stars - aber nur auf Zeit.
Was aus ihnen am Ende wird ist unklar, aber immerhin haben sich die Zuschauer für die Dauer einer Staffel mit den angeblich immer absolut echten Typen beschäftigt. Wie viel PR dahinter steckt, sehen wenige. Diese muss noch nicht einmal positiv sein. Der böse Angriff von Willemsen wird seine Wirkung tun, vielleicht zappen heute Abend noch mehr Zuschauer in Germany`s Next Topmodel, vielleicht auch Leute die zuvor noch nichts davon gehört haben - wenn es denn solch glückliche TV-Abstinenzler überhaupt noch gibt.
Diese werden immer weniger, nicht zuletzt weil neben Willemsen auch die Vorzeige-Feministin Deutschlands, Alice Schwarzer, Heidi böse angeht - und für viel (Negativ)Werbung: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift ‘Emma' wird der Klum der Titel "Pascha des Monats" verliehen - sonst einzig und alleine Männern mit bösen Macho-Allüren vorbehalten.
Schwarzer macht für 'Heidi Nazionale' jedoch eine Ausnahme, weil sie sich als "stupsnasige und kaltschnäuzige Scharführerin" besonders um den Titel bemüht habe. Das sieht Vater Klum ganz anders: "Heidi hat solchen Leuten nichts zu entgegnen. Wer oben ist, bekommt auch manchmal etwas ab." Da fragt sich der geneigte Leser jedoch, was Manager Günther Klum mit ‘oben' meint. In der Gesellschaft, nur in der Fernseh-Gesellschaft oder in punkto Verdienst?
Oder meint er das Rampenlicht im Allgemeinen, egal welche Qualität es hat, ob es die belustigten Blicke der Zuschauer sind, wenn Heidi wieder auf Teufel komm` raus versucht, eine Minute Sendezeit mit angeblich spannendem Schweigen zu füllen? Oder etwa die Tatsache, dass seine Tochter beinahe von Jedermann, beinahe zu jeder Zeit und an jedem möglichen Ort, ob angezogen oder nackt, an irgendeiner Werbetafel oder im Fernsehen begutachtet und nach reinen Schönheitsmerkmalen bewertet werden kann? Ist das oben, ist das Elite, sind das die besten Beispiele unserer Gesellschaft für ein gelungenes Leben?
Vater Klum zufolge wohl schon: "Und ganz ehrlich - der Erfolg gibt Heidi Recht. Und nicht Herrn Willemsen!", erklärt er pikiert. Aber Herr Klum, Willemsen ist doch Doktor, die Zeit für die richtige Anrede muss schon sein, wenn sie ihm schon das Recht zu Kommentaren zur Lage der Nation und des Fernsehens als Spiegel der Gesellschaft absprechen.
Es ist schon interessant wie momentan in der Öffentlichkeit verschiedene Generationen und Sozialisierungsschichten aufeinander treffen. Marcel Reich-Ranicki lehnt den ZDF-Fernsehpreis ab, weil die Preisverleihung zu niveaulos gewesen sei. Anschließend gibt es eine ausführliche Dampfplaudersendung mit ihm und Thomas Gottschalk über das Thema ‘Bildung und Fernsehen'. Aber es verändert sich nichts, weil der werbeträchtige Zuschauer zwischen 16 und 49 Jahren nach dem Schwung der großen Moralkeule nicht plötzlich ein ganz anderer, neuer Mensch ist, der nach Feierabend nicht mehr unterhalten werden will.
Auch wenn Boris Becker im SZ-Magazin ankündigt, Dieter Bohlen den Hintern auszuklopfen, in dem Fall unwahrscheinlichen Fall, dass dieser eines Tages seine Kinder auf der Bühne ebenso dumm anmacht, wie seine heutigen Kandidaten, so macht es am Ende doch keiner. DSDS wird von den Zuschauern weiter geliebt - und die Musik der angeblichen Superstars munter gekauft.
Auch wenn Alice Schwarzer jahrelang für die Emanzipation eintritt, die auf sie folgende Generation schafft Gestalten wie Verona Feldbusch, die mit dem Schein von Dummheit höchste Popularität erreichen und als Werbe-Ikone gefeiert werden - auch dank der vielen nackten Haut und der schönen Rundungen, die Schwarzer nicht bieten kann und will. Ebenso bei Heidi. Sähe das Topmodel nicht so bestechend aus, wären es nicht ihre blauen Augen, die mit dem Zuschauer spielen, dann wären es eben die Augen einer anderen gewieften Geschäftsfrau.
Und es wird bald noch mehr Andere geben, weil schon von der Natur aus stets eine neue Generation kommt - und die nächste ist bereits darauf hintrainiert. Denn schließlich ist die Halbwertszeit eines Topmodels beschränkt und in wenige Jahren will niemand mehr eine Heidi sehen, die dann mit hängenden Brüsten und Wangen in die Kamera schielt und ihre ersten körperlichen Verfallserscheinungen bedecken will, weil sie sich dafür schämt ein sterblicher Mensch zu sein. Dann wird Heidi Klum auch nicht mehr ‘oben' stehen, noch nicht einmal gemessen an der so schnelllebigen und manipulierbaren Popularität beim gemeinen Fußvolk.
Irgendwie haben dennoch beide Seiten Recht, die Kritiker und die unterhaltenden Akteure. Willemsen und Schwarzer mit dem Hinweis auf die vollkommene Nichtigkeit und pure Oberflächlichkeit von Germany‘s Next Topmodel, denn mal ganz ehrlich: Wer erinnert sich noch an mehr als ein Model aus der ersten Staffel und wen interessiert die Scheinwelt der Topmodels in der Realität wirklich? Auf der anderen Seite haben auch die Macher und natürlich Vater Klum Recht: Wenn über drei Millionen Menschen in der werberelevanten Zielgruppe die Show gucken, steckt eindeutig das Interesse der breiten Masse dahinter - und das will bedient sein.
Die Werbeindustrie und auch die Macher wären natürlich schön blöd die sich dort bietenden Vermarktungschancen nicht zu nutzen. Am Ende muss man wohl über unserer Zeit etwas ganz eigenes zugestehen: Was die Masse unterhält, daraus wird auch eine Show - eben um zu unterhalten und keinen heeren oder gar heiligen Anspruch zu vermitteln. Oder wie sehen sie das?