1:1 gegen die TSG Hoffenheim, 1:1 gegen Werder Bremen - die Gegner des FC Bayern München waren stark, aber zufrieden ist an der Isar niemand mit diesen Saisonauftakt, der lediglich zwei Punkte aus zwei Spielen ausweist. Der Fehlstart der Bayern hat viele Gründe. Da ist zum einen die Vorbereitung zu nennen, die immer wieder von Freundschafts-, Benefiz- und Juxspielen gestört wurde und deren Planung noch auf die Ära Klinsmann zurückgeht. Und da ist natürlich der neue Trainer Louis van Gaal.
Van Gaal ist ein Coach, der viel verlangt und das auch freimütig zugibt. Die ersten Monate unter seiner Ägide seien "sehr hart" für die Spieler, sagt der Holländer im Interview mit der 'Süddeutschen Zeitung'. Die Spieler müssen sich an die Umstellungen im System und die mentalen Anforderungen des 'voetbal totaal' erst noch gewöhnen, was im Spiel gegen Werder Bremen auch ziemlich offenkundig war.
Dort dominierten die Bayern zwar die Partie mit flottem und sicherem Kurzpassspiel und kamen van Gaals Idealvorstellung der 'totalen Kontrolle' schon recht nahe. Allein: Gefährlich waren die Münchner nicht. Die gefälligen Kombinationen brachten die Bremer Abwehr nicht gerade ins Wackeln. Das änderte sich erst in der zweiten Halbzeit, als Ivica Olic und Thomas Müller in die Partie kamen. Außerdem musste der glück- und ideenlose Spielmacher-Ersatz José Ernesto Sosa in der 63. Minute Platz machen für denjenigen, für den van Gaal diese Position erst geschaffen hat: Franck Ribéry.
Der Bayern-Trainer hat oft genug betont, dass er den quirligen Franzosen in seinem System zum Spielmacher erheben möchte. Van Gaal gilt zwar als ausgemachter Taktik-Purist, doch er ist schlau genug, um zu wissen, dass es bisweilen besser für die Mannschaft ist, gewissen Spielertypen mehr Freiheit zu geben. Mit Mounir El Hamdaoui als Nummer Zehn wurde van Gaal noch vor ein paar Monaten niederländischer Meister mit dem AZ Alkmaar. Diese Position soll nun Ribéry bekleiden, da dessen Dribblings auf der linken Seite für den Geschmack des 'Generals' zu leicht auszurechnen sind. In der Mitte, wo der Franzose nicht von den Grenzen des Spielfelds eingeengt wird, hätte er viel mehr Raum, um sich zu entfalten, so die Argumentation des Trainers. Dumm nur, dass Ribéry hat auf die Spielmacher-Position überhaupt keine Lust hat - was der kleine Franzose am Samstag in der Allianz Arena mit einer komplett anarchischen Vorstellung eindrucksvoll unterstrich.
Beim Heimspiel gegen Bremen war Ribéry nämlich überall zu finden, nur nicht auf der ihm zugedachten zentralen Position. Dort kam der 26-Jährige nur zufällig dabei, wenn er gerade wie ein Irrer von der linken zur rechten Seite und wieder zurück flitzte. Die Spielmacher-Position blieb vakant und wurde aus der Not heraus immer wieder von Bastian Schweinsteiger besetzt - der diese Position ironischerweise auch gerne spielen würde, aber nicht darf. Ribéry hat eben nur wenig Lust, sich in der Zentrale mit grimmigen Innenverteidigern vom Schlage eines Naldo, Josip Simunic oder Maik Franz herumschlagen zu müssen. Mit einem Ribéry auf der linken Seite leisteten sich die Bayern außerdem den Luxus, den Weltklasse-Verteidiger Philipp Lahm einzig und allein dafür abzustellen, die defensiven Unzulänglichkeiten des Franzosen auszubügeln. Doch Ribérys Hintermann in der Zentrale - üblicherweise Mark van Bommel - hat auch noch andere Dinge zu tun, so dass der quirlige Franzose mehr mit nach hinten arbeiten müsste.
Louis van Gaal waren nach dem Bremen-Spiel daher auch nur äußerst schmallippige Äußerungen zur Darbietung Ribérys abzuringen. "Er hatte eine gute Aktion, aber auch viele Ballverluste", kommentierte der 'General' streng. Und in der Tat probierte Ribéry viel und war überall anzutreffen, doch tatsächlich gelungen war ihm nur wenig. Die wenigen guten Aktionen des Franzosen reichten jedoch aus, um die Mitspieler sowie die 69.000 Fans in der Allianz Arena wachzurütteln. Prompt erzielte Mario Gomez in der 72. Minute den verdienten 1:1-Ausgleich nach einer Flanke von Lahm. "Franck ist ein Ausnahmespieler, den es nur einmal gibt in der Liga", teilte eben dieser Gomez auch nach dem Spiel all denjenigen mit, die das noch nicht wussten. "Da wird unser Spiel gleich anders, da wird es viel flotter, viel aggressiver, da wird es auch viel gefährlicher." Aber eben nicht geordneter. Louis van Gaal fasste die zweite Halbzeit daher auch mit den diplomatischen Worten zusammen: "Da haben wir nicht unbedingt als Mannschaft, aber individuell besser gespielt."
Beim FC Bayern könnte sich also ein kleiner Kulturkampf zwischen dem Anarchisten Ribéry und dem Ordnungsfanatiker van Gaal entwickeln, und der Ausgang ist ungewiss. Denn eins ist klar: Gerade einem Trainer wie van Gaal kann es unmöglich gefallen, wenn ein Spieler seine taktischen Anweisungen so offenkundig ignoriert. Wer in dieser Streitfrage also der Sieger sein wird oder ob es am Ende gar nur Verlierer gibt, bleibt daher abzuwarten. So oder so dürfte sich jedoch die Wahrscheinlichkeit erhöht haben, dass Real Madrid nochmal ein Angebot für Ribéry abgeben wird, wenn die Königlichen die ersten Streitigkeiten zwischen van Gaal und seiner Nummer Zehn wider Willen registrieren. Und die Bayern dürften sich dieses Angebot dann auch bereitwilliger anhören.