Es gibt kaum eine Stadt auf dem Alten Kontinent, die in der Öffentlichkeit derart stark mit Problemen der Luftverschmutzung verbunden wird wie Mailand. Die norditalienische Metropole kämpft neuerdings jedoch mit Hilfe innovativer Lösungen gegen die allgegenwärtige Smog-Kappe, und will sogar zum pulsierenden Herz einer neuen, nachhaltigen Wirtschaftsweise avancieren. EUROPOLITAN sprach diesbezüglich mit Edoardo Croci, Initiator der umstrittenen City-Maut 'Ecopass'.
Herr Croci, als ehemaliges Mitglied der Stadtregierung haben sie viel bewegt, mussten aber letztlich ihren Posten als 'Assessore' räumen. Wie kommentieren sie die jüngsten Äußerungen von Oberbürgermeisterin Letizia Moratti, die ihr Konzept einer Innenstadt mit weniger Autos schrittweise weiter vorantreiben will - als späten Triumph?
Also zuerst einmal möchte ich festhalten, dass Letizia Moratti mit mir in Fragen des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit immer einer Meinung war. Wir haben uns oft dazu ausgetauscht. Die Dinge, die ich in Bewegung gesetzt habe, konnte ich auch nur deswegen in Angriff nehmen, weil sie mir das ermöglicht hat. Meine Mission als Assessore bestand darin, die Mailänder Verkehrssysteme zu erneuern - die City-Maut 'Ecopass' einzuführen, flexible Transportlösungen wie das Bike Sharing aufzubauen und das Car Sharing zu entwickeln. Darüber hinaus haben wir neue Fußgängerzonen geschaffen, den Personennahverkehr ausgeweitet und behinderten Menschen seine Nutzung leichter gemacht. All das ist im Einvernehmen mit Letizia Moratti geschehen.
Inwiefern unterscheiden Sie sich denn dann von der Oberbürgermeisterin?
Ich vertrete eine unterschiedliche Position dahingehend, dass ich diese Maßnahmen keineswegs für unpopulär halte. Ganz im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass diese Maßnahmen, wenn man sie denn mutig anpackt, bei den Bürgern auf Wohlwollen stoßen. Wenn man sich nur an Umfragen, Stimmungen im Machtapparat, der momentanen politischen Debatte und kleinlichen lokalen Interessen orientiert, mag man denken, dass es heftigen Widerstand gibt, und dass die Kräfte des Beharrens die Oberhand haben.Wenn man aber mit einer klaren Vision, deutlich formulierten Zielen und einer intelligenten Strategie vorstellig wird - was Mailand faktisch getan hat - dann werden die Erfolge schnell sichtbar und können kommuniziert werden. Dann wird rasch deutlich, dass es um das Wohl der Stadt insgesamt geht. Denn natürlich gibt es bei uns einen Notstand mit Hinblick auf Verkehr und Smog. Aber genau deswegen glaube ich auch, dass die Mailänder Bürger sich mit der City-Maut anfreunden, und das Ganze auch politisch ein Erfolg wird.
Haben Sie schon konkrete Anhaltspunkte dafür?
Bisher ist das in allen Städten geschehen, die sich im Sinne der Nachhaltigkeit neu aufgestellt haben. Die Bürger sind am Ende mit dieser Entwicklung zufrieden, weil sie feststellen, dass sich die Lebensqualität insgesamt erhöht hat. Sicher, Italien ist ein Land, in dem die Menschen besonders stark am Auto hängen, nach den USA und Luxemburg haben wir weltweit den höchsten Grad an Motorisierung. Ich glaube aber, dass gerade deswegen in Mailand, wo es ein stärker ausgeprägtes Bewußtsein gibt, diese positiven Innovationen Erfolg haben können. Zur Expo 2015 in Mailand wird das sehr deutlich werden, wenn erstmal die zwei neuen U-Bahn-Linien fertig sind, die Stadt deutlich mehr Grün aufweist und flächendeckend mit Fernwärme beheizt wird.
Aber die Einführung der kostenpflichtigen City-Maut 'Ecopass' hat doch für viel Proteste gesorgt - oder nicht?
Nun ja, vor der Einführung von 'Ecopass' sind tatsächlich Schreckgespenster an die Wand gemalt worden, manche Stimmen prophezeiten sogar den Totalzusammenbruch des Verkehrs außerhalb des Innenstadtrings. In Wirklichkeit hat der Verkehr nicht nur in der Innenstadt, sondern auch außerhalb abgenommen. Auch als wir mit dem Bike Sharing losgelegt haben, hieß es, dass das Angebot überflüssig sei, es niemand nutzen werde, die Mailänder noch nie groß Fahrrad gefahren seien - was nicht stimmt. Jetzt geht es darum, den Wandel zu beschleunigen. Wenn also der politische Wille und die Fähigkeit da sind, die Sache anzupacken, auch gegen Inkaufnahme von Risiken, können Erfolge erzielt werden. Natürlich muss man sich vorher vom kleinen politischen Hick-Hack verabschieden, vom typisch italienischen Spaß am Klatsch, von dieser Art von Mikro-Konflikten. Man muss den Mut haben, das alles zu ignorieren, und weiter zu machen, in dem Bewußtsein, dass es einen klar definierten Plan gibt. Und ich muss schon unterstreichen, dass dieser Plan stets die Unterstützung der Bürger erfahren hat.
Trotzdem spricht die angesehene Tageszeitung 'Corriere della Sera' immer noch von Mailand als "einer der verseuchtesten Städte der Welt". Ist das Urteil zu streng?
In der Tat ist es in Mailand diesen Winter wieder wochenlang zu einem Feinstaub-Notstand gekommen. Aber warum? Weil Mailand ganz objektiv gesehen einer mikroklimatisch schwierigen Situation ausgeliefert ist, auch wenn es in den letzten drei Jahren bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Luftwerte gekommen ist. Natürlich sind wir von den europäischen Richtwerten noch weit entfernt. Die Reaktion auf den Dauernotstand hat aber auch gezeigt, dass es bei den Mailändern ein Bewußtsein in puncto Gesundheit und Luftverschmutzung gibt. Die Wissenschaft sagt uns, dass die Luftverschmutzung nicht nur die Lebenserwartung im Schnitt um zwei Jahre nach unten schraubt, sondern auch langfristige Atem- und Kreislaufstörungen zur Folge hat, vor allem bei den Schwächsten, also in erster Linie bei Kindern. Das haben die Mailänder längst verstanden. Deswegen gibt es auch eine große Schicht in der Bevölkerung, die strukturelle Maßnahmen einfordert, aber auch sofortiges Handeln, wenn die Werte mal wieder besonders schlecht sind.
Sie haben vor kurzem die Bürgerinitiative "Städtisches Labor für urbane Nachhaltigkeit" ins Leben gerufen. Welche politischen Ziele verfolgen Sie damit?
Das ist ein Versuch, Politik im edleren Sinne des Wortes zu betreiben. Das Labor versteht sich als unparteiische Bürgerinitiative, an der Menschen aktiv teilhaben, die Erfahrungen im Verwaltungsapparat gesammelt haben. Die Promotoren kennen die Probleme der Politik aus erster Hand, haben bereits Verantwortung getragen, und wissen deshalb auch, wie man diese Themen angeht. Gleichzeitig handelt es sich um Personen, die sich seit vielen Jahren beruflich mit dem Thema Umwelt auseinandersetzen. Ich selbst befasse mich seit 25 Jahren mit Umweltökonomik, auch die anderen haben sich in diesem Bereich stark engagiert. Darüber hinaus ist es uns gelungen, einen wissenschaftlichen Beirat aus Experten zusammenzusetzen, die allesamt national und international einen exzellenten Ruf genießen. Darunter sind Mediziner, Juristen, Ökonomen, Landschaftsarchitekten, verschiedene Persönlichkeiten also, die ihre Kompetenzen einbringen. Es geht uns darum, korrekte Kenntnisse zu Umweltproblemen zu vermitteln und darauf aufbauend machbare und realistische Lösungen vorzuschlagen. Uns interessiert nicht das Unmögliche, wir verfolgen keine Tagträumereien - sondern Dinge, die mit dem heutigen Stand von Technologie und Technik umsetzbar sind.
Welche Informationsdefizite sehen Sie denn in der Öffentlichkeit?
Der Öffentlichkeit ist nicht immer ganz klar, welche Wirkungszusammenhänge zwischen Umweltverschmutzung und Gesundheit bestehen. Es gibt ein generisches Problembewußtsein, aber hinsichtlich der kurzfristigen Auswirkungen ist es wichtig, dass gewisse Dinge bekanntwerden. Auch wissen wir mittlerweile, dass die Luftverschmutzung von Stadteil zu Stadtteil unterschiedlich ist, sich sogar von einer Straße zur nächsten erheblich unterscheidet. Die vorliegenden Zahlen sind in der Regel Mittelwerte zwischen nächtlichen Messungen, wenn die Luft relativ sauber ist, und Messungen tagsüber während der Verkehrsstaus, wenn die Luft miserabel ist. Darüber muss mehr bekannt werden. Desweiteren müssen die Auswirkungen des Smog auf die Schwachen - Kinder, Alte und Kranke - stärker verbreitet werden. Das sind alles Dinge, zu denen detaillierte Forschungsergebnisse vorliegen, die aber korrekt öffentlich vermittelt werden müssen.
An welchen Vorbildern in Europa kann sich Mailand orientieren, um die Lage zu verbessern?
Also erstmal kann Mailand zwar lernen, aber auch viel lehren. Ich betone es, weil ich schon in der ganzen Welt eingeladen worden bin, um das vorzustellen, was wir gemacht haben. Mich hat insbesondere gefreut, nach Israel eingeladen worden zu sein, unter anderem bei Friedensnobelpreisträger Shimon Peres, um israelischen Bürgermeistern das Modell Mailand vorzustellen. Auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg hat sich sehr interessiert gezeigt, als Oberbürgermeisterin Moratti die City-Maut 'Ecopass' vor der UNO vorgestellt hat, und will das Mailänder Modell eingehend unter die Lupe nehmen. Wir haben in der Konzeptionsphase unserer Maßnahmen viel von anderen europäischen Städten wie Kopenhagen oder Lyon übernommen, können nun aber mit Fug und Recht behaupten, eine Vorreiterstellung eingenommen zu haben - insbesondere beim Bike Sharing, das international als eines der besten der Welt gilt.