Die furchteinflössende Rolle, die im Kalten Krieg den Worten 'Hiroshima' und 'H-Bombe' zukam, scheint in der aktuell grassierenden Finanzkrise dem Wort 'Hypothek' zuzufallen: Ein abschreckendes Beispiel, ein Menetekel quasi, dass die Menschen sowie die Verfechter jeglicher Wirtschaftsordnung an deren Vergänglichkeit erinnern soll. Fast scheint es so, als müsse stets ein neues ominöses H-Wort einspringen, um zum vernünftigen Handeln zu animieren.
Ob der aktuellen Panik an den Weltbörsen ist allerdings das H-Wort par excellence, das in den vergangenen Jahren zum Schreckgespenst Numero Eins aufgestiegen war, fast in Vergessenheit geraten: Es handelt sich um die vielerorts getadelte Heuschrecke oder, im Neudeutschen, den Hedgefonds. Von beiden Begriffen ist in der gegenwärtigen öffentlichen Debatte nicht mehr viel zu erkennen.
Dabei schrieb man gerade das Jahr 2005, als die Politik das gefährliche H-Duo als neuesten Auslöser für den Untergang des Abendlandes ausgemacht hatte. In einer denkwürdigen Rede des damaligen und heutigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering mutierte das aus dem Wirtschaftsjargon stammende, dem Laien unverständlich anmutende Wörtchen 'Hedgefonds' zur griffigen, Katastrophen heraufbeschwörenden 'Heuschrecke'. Kurz darauf liess sich auch das 'Manager Magazin' nicht lumpen und brachte, einer alten Manier des Schwestermagazins 'Spiegel' folgend, auf dem Titel eine riesige Heuschrecke, wie sie die altehrwürdigen Konzernlogos der Deutschland AG zermalmt.
Heute, wo uns die Sturmböen einer Katastrophe ganz anderer Machart heimsuchen, flösst uns das einstige Horrorwörtchen eine geradezu beruhigende Wirkung ein. Das damals grösste anzunehmende Übel schrumpft angesichts der heutigen Probleme zur putzigen Miniaturkrise - und entpuppt sich zudem als das, was es damals schon war: ein übertriebenes Horrorszenario. Aus jetziger Sicht hat nämlich nicht nur der flächendeckende Angriff auf die Bastionen des rheinischen Kapitalismus nicht stattgefunden. Vielmehr ist klargeworden, dass es auch in der Welt der Hedgefonds solche und solche gibt.
Zwar gibt es durchaus jene, die, von der blinden Renditegier getrieben, Unternehmen ausschlachten, die Kronjuwelen verkaufen, und einen Scherbenhaufen hinterlassen. Andererseits stellen so genannte 'Corporate Raider' aber auch ein potenziell positives und säuberndes Regulativ dar. In Situationen, in denen kartellähnliche Verflechtungen aus einem Konzern einen Selbstbedienungsladen für Management und Grossaktionäre machen, kann das Drohpotenzial durch externe Hedgefonds für den Kleinaktionär durchaus einen Verbündeten darstellen.
Letztlich haben gerade die so genannten Heuschrecken in den letzten Jahren bewiesen, das kein Management heilig, und keine geschlossene Grossaktionärsriege unknackbar ist. Und das ist aus der Sicht von Kleinanlegern - man denke an die abschreckenden Beispiele von Konzernfilz etwa bei Siemens - auch gut so. Hedgefonds müssen genauso wie der internationale Finanz- und Hypothekenmarkt reguliert werden, um Exzesse zu vermeiden. Unter sinnvollen Bedingungen können sie aber durchaus dem Gemeinwohl dienlich sein, gerade in einer Welt, in der privatwirtschaftliche Alternativen der Altersvorsorge den Volkskapitalismus am Aktienmarkt weiter vorantreiben werden.
Liesse sich die heutige Krise zu dieser Einsicht nutzen, wäre so manches Opfer nicht vergebens gewesen. Und man hätte einen griffigen Trost parat, wenn in Zukunft das nächste ominöse H-Wort dann wieder 'Hassprediger' oder 'Hyperinflation' heisst.