Deutschlandweit demonstrierten etwa 72.000 Kinder und Jugendliche für eine bessere Bildung, meldete die bundesweite Schüler-Organisation 'Bildungsblockaden einreißen'. Bisher hatte es in Deutschland noch nie Schülerdemonstrationen in dieser Größenordnung gegeben. Dabei nutzte die Jugend auch das Internet. Die Schüler-Organisation vernetzte sich und rief unter 'schulaction.org' zu den Streiks auf.
Wenn jedoch selbst kleine Kinder erklären, sie fänden es nicht gut, dass stets so viel Unterricht entfalle und die Schüler viele Freistunden hätten, dann stimmt entweder sehr viel nicht im System, oder die Jugend kaut die Argumente der Lehrer wieder, die sich an den Demonstrationen stark beteiligten.
In Berlin protestierten am Mittwochvormittag etwa 8.000 Schülerinen und Schüler aus allen Schulformen. Dabei marschierten sie vom Roten Rathaus zum Bebelsplatz. In Hessen demonstrierten rund 9.000 Schülerinnen und Schüler.
Die wichtigsten Forderungen der Jugend waren die nach besserer Unterrichtsversorgung, nach kleineren Klassen und nach Nachbesserungen im sogenannten „Turbo-Abitur G8". In Berlin verlangten die Schülerinnen und Schüler außerdem noch die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, das zu einer sozialen Spaltung der Kinder führe.
Im Großen und Ganzen verliefen die meisten Proteste friedlich, doch in Hannover etwa durchbrachen Hunderte junger Menschen die Bannmeile vor dem Landtag und es flogen Steine. Die Polizei versuchte daraufhin, das Parlamentsgebäude abzuriegeln. Die Sitzung des Landtags wurde unterbrochen. Die Politiker, die zuvor über Bildungspolitik gestritten hatten, vermochten sich dann gleich ein reales Bild darüber zu verschaffen, wie die Bildungspolitik von den zu Bildenden aufgenommen wird.
Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU) sagte, unbekannte Vermummte hätten die Scheibe einer Zugangstür zum Landtag eingeworfen. „Die Demonstration wird mißbraucht von gewaltbereiten Gruppen." In Berlin stürmten einige Aktivisten kurzzeitig die Humboldt-Universität und störten den Universitätsbetrieb. Doch zumeist waren die Demonstrationen friedlicher Natur.
Kenneth Frisse, Sprecher der Berliner Stadtverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, meinte, die Schüler hätten eigentlich gar kein Streikrecht. Der Streik sei unentschuldigtes Fehlen, das „von der Schule entsprechend den geltenden Vorschriften unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit geahndet wird". Lustig einerseits, in solch einer Situation einen deutschen Bürokraten mit Regelungen um sich werfen zu hören, andererseits traurig, denn diese Aussage zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit.
Svenja aus Berlin sagte, an ihrer Schule würde es bestenfalls Einträge ins Klassenbuch geben. Die Lehrer hätten schon angedeutet, dass sie die Demo „gut und richtig" fänden und deshalb ein Auge zudrücken würden. Manche Lehrer kamen gleich mit zum Demonstrieren. Der Lehrer Günter Hidden von der Georg-Schlesinger-Berufsschule sagte: „Das ist aktive Sozialkunde." Der 60-Jährige hat als Beamter auch kein Streikrecht. „Aber wer fragt da schon nach in Zeiten des Lehrermangels?"
In Braunschweig gab es zum Protestmarsch musikalische Begleitung der Braunschweiger Formation Reimheit. Bildungs-Rap. In Stuttgart wurden die Proteste von Lehrern unterstützt. Auch die Lehrergewerkschaft GEW unterstützte die Schüler.
Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes und Schulleiter eines Gymnasiums in Berlin hat nichts gegen Protestaktionen, solange sie nicht während der Unterrichtszeit stattfinden. „Womit sollen die Schüler ökonomischen Druck ausüben? Die Folge einer solchen Aktion ist, dass noch mehr Unterricht ausfällt. Die Schüler schaden damit nicht der Politik, sondern sich selbst." Meininger gab auch an, dass die Formulierungen einiger Organisationen ihn befürchten ließen, dass linksextreme Agitatoren die Gelegenheit nutzen wollten, um Anhänger zu gewinnen.
Auch die Landtagsabgeordnete Niedersachsens, Heidemarie Mundlos (CDU), warnte vor einer Instrumentalisierung der Jugendlichen durch radikale Gruppen. Sie teilte in einer Pressemitteilung Eltern- und Lehrerverbänden mit, wersich hinter der Internetseite „schulaction.org" verberge. Ein gewisser Miachel Koschitzki, der Mitglied einer vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften Organisation- „Sozialistische Alternative SAV"- ist.
Heidemarie Mundlos ist zwar der Ansicht: „Auch wenn viele der bildungspolitischen Forderungen, wie etwa der Ruf nach einer besseren Ausstattung der Schulen, durchaus berechtigt sein mögen, sollte man sich fragen, an wessen Seite man hier demonstriert." Sehr viele Schüler hätten es sicher nicht gewußt, dass hinter Koschitzki die SAV steht, die sich als „revolutionäre, sozialistische Organisation in der Tradition von Marx, Engels und Lenin „begreife. „Aber ich hätte mir eine kritischere Haltung der Schüler gewünscht", sagte die Landtagsabgeordnete.
Der Sprecher des Landesschülerrats (LSR), Patrick Orth, wies diesen Vorwurf jedoch ab. Die einzelnen Streikbündnisse in den Bundesländern hätten sich eigenständig auf einen Forderungskatalog verständigt.„Mit der Behauptung, Linksradikale würden die Strippen ziehen" wolle man die Protestaktionen diskreditieren. Die Forderungen der Schüler würden vom niedersächsischen Landeselternrat unterstützt„und so mancher Lehrer ist auf unserer Seite", sagte Orth.