In einer tiefen sportlichen Krise hat der zweimalige Fußballweltmeister Argentinien nach dem sprichwörtlichen 'letzten Strohhalm' gegriffen. Niemand geringeres als die lebende Legende Diego Maradona soll die blau-weißen als Trainer zur WM 2010 führen. Doch sogar im fußballverrückten Argentinien regen sich Zweifel an der Trainer-Kompetenz des einstmals besten Fußballers der Welt. Über alle Skandale und Verfehlungen ihres Idols hatten die 'Gauchos' hinweggesehen - ein Scheitern als Nationaltrainer würden sie ihm jedoch nicht verzeihen.
Am heutigen Donnerstag soll Maradon offiziell zum Trainer gekürt werden. Es ist der 48. Geburtstag des 'Goldjungen', der den Argentiniern so viel Freude geschenkt hat. Der seine Landsleute aber auch immer wieder mit Drogeneskapaden, Klinikaufenthalten, einem Herzinfarkt und einem darauf folgenden Todeskampf schockierte. Angeblich sollen dem Weltmeister von 1986 mehrere Co-Trainer zur Seite gestellt werden. Darunter auch Carlos Bilardo, der die 'Gauchos' selbst als Chefcoach zum WM-Titel 1986 geführt hat.
Bilardo soll sozusagen als Supervisor für Maradona fungieren, der jedoch die hauptsächliche Trainingsarbeit auf dem Platz machen soll. Gegenüber der Zeitung 'Clarin' stellte Maradona jedoch schon einmal klar: „Die Mannschaft bestimme ich". Die Entscheidung für 'Diegito' überrascht jedoch so ziemlich alle Fußball-Experten, schließlich gab es auch andere hochrangige Bewerber für das Amt des Nationaltrainers, darunter auch Ex-Nationalspieler Diego Simeone, der als Trainer von River Plate Buenos Aires derzeit für Furore sorgt.
Maradonas Vorgänger Alfio Basile trat nach einem 0:1 gegen Chile am 16. Oktober zurück. Nach 10 Punkten der Südamerika-Qualifikation hat Argentinien lediglich 16 Punkte aufzuweisen. Das reicht zwar immer noch für den dritten Platz, der die direkte Qualifikation bedeutet. Jedoch beträgt der Vorsprung auf das fünftplazierte Uruguay nur drei Punkte. Zudem waren die spielerischen Leistungen zuletzt äußerst dürftig.
Nun soll es also Maradona richten, der Staatsheilige. In den achtziger Jahren war der Mittelfeldspieler unzweifelhaft der beste Fußballer der Welt. In Europa brachte es der kleine Ballzauberer beim FC Barcelona und danach beim SSC Neapel zu Weltruhm. Unvergessen seine beiden Tore im WM-Viertelfinale 1986 gegen England. Das erste die legendäre „Hand Gottes", das zweite ein Sololauf durch die gesamte Spielhälfte der Engländer, vorbei an sechs Gegenspielern. Jener Treffer wurde später zum 'Tor des Jahrhunderts' gekürt.
Genauso wie die sportlichen Geniestreiche sind jedoch auch die zahlreichen Eskapaden des Menschen Maradona im Gedächtnis haften geblieben. In Europa begann der junge Diego damit, Kokain zu nehmen. Die Sucht machte aus dem temperamentvollen Argentinien einen unberechenbaren Mann. Unvergessen sind die Gewehrschüsse aus Journalisten in Neapel. Von der WM 1994 wurde der damals 33-Jährige wegen einer positiven Dopingprobe ausgeschlossen. Mehrmals versuchte Maradona nach Ende seiner Karriere einen Drogenentzug, einen davon auf Kuba, wo er Freundschaft mit Fidel Castro schloss. Im Jahr 2005 kämpften die Ärzte um das Leben des Fußballidols, und konnten es nur durch eine Magenverkleinerung retten.
All das haben die Argentinier ihrem Idol bereitwillig verziehen. Zu fußballverrückt sind die 'Gauchos', als das sie dem besten Spieler, den ihr Land jemals hervorgebracht hat, Vorwürfe wegen seines unsteten Privatlebens machen würden. Als Trainer hat Maradona jedoch nur zwei kleine Teams in Argentinien betreut, und insgesamt nur drei Spiele gewinnen können. So verwundert es nicht, dass sich in einer Blitzumfrage der Zeitung 'Clarin' fast 74 Prozent der 72.000 Befragten gegen eine Ernennung Maradonas zum Nationaltrainer aussprachen. Dies grenz fast an Majestätsbeleidigung, zeugt jedoch auch von gesunden, rationalen Zweifeln, die man den Argentiniern so nicht zugetraut hätte.