Ein gebrochenes Herz und Blaubeerkuchen: In „My Blueberry Nights", der ersten amerikanischen Produktion von Kult-Regisseur Wong Kar-Wai, reist eine junge Frau (Sängerin Norah Jones) kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, um sich selbst und die wahre Liebe zu finden.
Es ist spät. Die Züge der New Yorker Metro winden sich wie leuchtende Insekten aus Metall durch die Nacht und Café-Besitzer Jeremy (Jude Law) ist damit beschäftigt die Spuren des Tages zu beseitigen als Elizabeth (Norah Jones) zerstreut in sein Café auf Coney Island stolpert. Die Beziehung der jungen Frau ist gerade in die Brüche gegangen, doch in Jeremy findet Elizabeth einen verständnisvollen Zuhörer.
„Das ist wie mit den Kuchen", erzählt er. „Am Ende des Abends sind der Cheesecake und der Apple Pie völlig ausverkauft. Aber immer bleibt ein ganzer Blueberry Pie übrig." Als Elizabeth wissen will, was denn mit dem Blueberry Pie nicht stimme, tröstet er sie: „Es ist alles in Ordnung mit dem Blueberry Pie. Die Leute treffen nur eine andere Wahl. Der Blueberry Pie kann nichts dafür."
Elizabeth tritt, auch um sich selbst Hoffnung zu machen, den Gegenbeweis an und bestellt ein Stück des verschmähten Pies. Nach einer langen Nacht mit unzähligen Drinks und Blaubeerkuchen ist ihr Kopf auf den Tresen gesunken. Um ihre Lippen sind noch ein paar Kuchenkrümel und ein Rand aus Vanilleeis und Sahne.
Jeremy steht auf der anderen Seite des Tresens und fegt sein Café aus. Er hält inne, betrachtet eingehend die Schlafende und beugt sich über sie. Als er sich wieder abwendet, sind die Krümel und der Sahnerand verschwunden.
Abenteuerreise durch die Staaten
Elizabeth verspürt den Drang, sich zu verändern. Sie bricht zu einem Abenteuertrip quer durch Amerika auf. Von einem Kellnerinnen-Job zum nächsten zieht sie durchs Land und freundet sich dabei mit Menschen an, deren Kummer den ihren bei Weitem übersteigt: Darunter ein liebeskranker Polizist (David Strathairn) und seine von ihm getrennt lebende Frau (Rachel Weisz) oder eine risikofreudige Spielerin (Natalie Portman), die noch eine Rechnung zu begleichen hat.
Durch diese Begegnungen erfährt Elizabeth weitaus tiefere Abgründe von Einsamkeit und Leere, und sie beginnt zu verstehen, dass ihre Reise sie viel weiter führt: Sie trägt sie über unsichtbare Grenzen zurück zu ihrer eigenen inneren Landkarte, zu sich selbst.
Für den, bei den 60. Filmfestspielen in Cannes bereits gefeierten Film, „My Blueberry Nights" fährt Wong Kar-Wai sein gesamtes Repertoire an Einstellungen und für ihn typischen Filmtechniken auf: Wie in seinen Kultfilmen „In the Mood for Love" oder „Chungking Express" arbeitet er mit ungewöhnlichen Perspektiven, Zooms, Slow Motion und spielt mit verschiedenen Auflösungen. Zusammen mit Neonlicht, Spiegelungen und Detailaufnahmen erzeugen diese Techniken eine besondere Stimmung und unterstreichen Kleinigkeiten, heben scheinbar unbedeutende Momente hervor.
Eine besondere Rolle spielt dabei auch die Filmmusik: „Alle Szenen sind getragen von der Stimmung der Musik. Die Musik ist normalerweise mein Ausgangspunkt: Sie gibt Tempo und Rhythmus vor. Wenn ich dann anfange, einen Film zu entwickeln, muss ich erst den Raum kennen, den Ort, das Umfeld. Aus einer simplen Straßenecke lässt sich ein langer Film machen. Also suche ich einen Ort, und dann überlege ich: Welche Menschen halten sich hier auf, was ist der spezifische Klang dieses Ortes", beschreibt der Regisseur die Rolle der Musik in seinen Filmen.
„My Blueberry Nights" wird von 20 Popstücken und Originalkompositionen untermalt. Einige stammen direkt von Protagonistin Norah Jones, zudem steuerte Cat Power ihre Hits „The Greatest" und „Living Proof" bei. Die Alternative-Country-Sängerin hat auch einen kleinen Gastauftritt im Film. Der Score wurde von Ry Cooder geschrieben.
Neue Mischung
Fans von Wong Kar-Wais Hong-Kong-Style-Klassikern mit Leslie Cheung und Tony Leung werden sich erst an das neue Umfeld gewöhnen müssen. Big Apple und Vegas, Diners und Coffeeshops erzeugen eine andere Stimmung, als Hong Kongs Schnellrestaurants und Nudelküchen. Für „My Blueberry Nights" wagt sich der Kultregisseur auf neues Terrain.
Mit seinen bewährten Stilmitteln im Gepäck und einer hochkarätigen Besetzung gelingt es ihm, in der Neuen Welt Altbewährtes mit Innovativem zu vermischen. Das Ergebnis funktioniert fast so gut wie Blueberry Pie mit Vanilleeis.