Ein Sturm der Entrüstung ergießt sich tagein tagaus über dem Kremlherrn - und macht ihn stärker. George W. Bush hat sich jüngst allen diplomatischen Gepflogenheiten zum Trotz geweigert, Wladimir Putin zum Sieg seiner Partei ‚'Einiges Russland' zu gratulieren. Dummerweise tut der Westen mit seiner starrhalsigen Haltung nun aber genau das, was Putin zum Machterhalt am meisten nutzt: Er gibt eine wirkungsvolle, letztlich harmlose Drohkulisse ab, die dem russischen Herrscher gerade recht ist, seinen Alleinvertretungsanspruch zu untermauern.
Warum handelt der Westen so? Zum einen stehen sprunghafte und von Umfragen getriebene Politiker einer schreckhaften und entfesselten Öffentlichkeit gegenüber. Der medial aufgebauschten und vom Kreml meisterlich inszenierten Kulisse eines Furcht einflössenden Russlands meinen sie mit einer unbeholfenen Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche entgegentreten zu müssen. Ein wirtschaftsnahes Gipfeltreffen samt Milliardendeal hier, eine wohlgemeinte Ermahnung zur Einhaltung der Bürgerrechte dort: Scheinheiliger und unglaubwürdiger kann man sich nicht anstellen. Da ist politische Schwäche vorprogrammiert.
Zum anderen handelt es sich um einen typischen Fall enttäuschter Erwartungen. So hatte man sich im Zuge von Perestrojka, Mauerfall und EU-Osterweiterung mit dem Gedankenspiel angefreundet, Russland werde vom einen Moment zum anderen eine ebenso mustergültige wie machtpolitisch gefügige Demokratie. Da hatte man allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Während im Westen das 'Ende der Geschichte' herbeigeredet wurde, fielen in Russland die sozialen Notsicherungen des Sowjetsystems in sich zusammen.
Millionen Menschen kamen Hunger, Elend, Eiseskälte sowie alltäglicher kleinkrimineller Dauereinschüchterung erschreckend nahe. Und das in einem Land, das ein halbes Jahrhundert lang als alles überragende Weltmacht gegolten, und zur Erringung dieses Status Aberdutzende Millionen Tote in Kauf enommen hatte. Dass nun wieder ein Mindestmaß an Ordnung und vor allem Wohlstand herrschen hätte dem Kremlherren auch in der aufgeklärtesten der westlichen Demokratien eine 'landslide victory' verschafft.
Putin hat also um sein Land durchaus Verdienste. Es dürfte seine Bürger kaum interessieren, ob sein gelegentliches Auftrumpfen im Westen zeitweilig den Anschein erweckt, als sei der 'Kalte Krieg' wieder da. Vielmehr wird dadurch ein Bedürfnis an Sicherheit und wohl auch ein gewisser Grad an Geltungsdrang befriedigt. In einer Hinsicht irren westliche Kommentatoren jedoch ganz gewaltig: Putin handelt nicht so, weil er auf seine inländische Öffentlichkeit pfeifen kann. Ganz im Gegenteil. Können wir uns sicher sein, dass eine ‚ungelenkte' Demokratie prowestliche Liberale an die Macht heben würde? Denken wir im Ernst, eine vitale Zivilgesellschaft warte nur darauf, den 'Zaren Wladimir' abzulösen? Vielmehr hat es bei den Wahlen am Sonntag der dubiose Schirinowski wieder auf über 11 Prozent geschafft - und das auch ohne präsidialen Medienzugriff.
Wenn Nationen zutiefst gedemütigt sind greifen sie auch bei demokratischem Wahlsystem nach dem Extremen im politischen Angebot. Das ist gerade hierzulande kein Novum.
Russland steht nach wie vor am Scheideweg. Doch es handelt zunehmend aus einer Position der Stärke heraus. Europa sollte also lieber dem russischen Bären gegenüber seine Interessen gelten lassen, als mit ihm ein entwürdigendes und letztlich kontraproduktives ideologisches Schattenboxen zu veranstalten.