Wie am Samstag bekannt wurde, geht der Karlspreis im Jahre 2006 an Jean Claude Juncker, Luxemburgs polyglotten Ministerpräsidenten. Juncker fällt meist aufgrund seiner Mehrsprachigkeit auf - doch er leistet sich auch auch Dreisteres.
Frechheit siegt: Da tätschelt Jean-Claude Juncker, Ministerpräsident von Luxemburg, zur Begrüßung dem 18 Jahre älteren Silvio Berlusconi die Glatze. Bei einer Versammlung der EU-Regierungschefs. Und gefilmt von einer Videokamera. So etwas trauen sich nicht viele. Juncker schon.
Der küsst auch gerne mal seinen Parteichef Franz Biltgen vor versammelter Mannschaft auf die Glatze. Oder streichelt dem Justizminister Luc Frieden vor laufenden Kameras die Wange. Dann wieder kommt er eine Stunde zu spät auf seine eigene Wahlkampfveranstaltung – eingeschlafen im Büro. Wie menschlich. Zur Entspannung zündet er sich eine Zigarette an, trinkt einen Schluck Bier aus der Flasche. Juncker regiert mit Kopf und Herz, freuen sich die Luxemburger über derartige Gesten. Er bleibt seinem Land treu, obwohl er andere Möglichkeiten gehabt hätte. Es gibt kaum einen Posten in Brüssel, den man dem vielsprachigen Politiker noch nicht angeboten hat. Er war der Favorit für den wichtigsten Job in Brüssel, sollte EU-Kommissionspräsident Romano Prodi Ende Oktober vergangenen Jahres beerben. Er war der Favorit vieler, auch von Gerhard Schröder und Jacques Chirac. Stattdessen kandidierte er lieber wieder in seiner luxemburgischen Heimat, und ließ sich am 13. Juni 2004 wiederwählen. Keine Lust auf Brüssel. Juncker ist und bleibt Premier und Finanzminister des zweitkleinsten EU-Landes, dem Großherzogtum Luxemburg – und Europas dienstältester Regierungschef. Der Druck vor den Wahlen war stetig gewachsen, man wollte ihn in der Kommission sehen. Aber Juncker blieb eisern, ließ sein Volk nicht im Stich: „Der Druck ist enorm, ich lasse mich aber nicht drücken“. Ein wichtiges Zeichen für Luxemburg, denn Juncker steht vor allem für Glaubwürdigkeit. Die hätte er aber zwangsläufig verloren, wenn er sich von seinem Volk hätte wählen lassen und dann kurz darauf nach Brüssel gezogen wäre. Das Bekenntnis zur Heimat und das Nein an Brüssel hatten Erfolg: Seine seit Jahrzehnten regierende Christlich-Soziale Volkspartei (CSV) legte bei den Europawahlen zu, kam auf 37 Prozent der Stimmen. In den fünf Jahren ihrer Legislaturperiode werden die Christlichsozialen gemeinsam mit den Sozialisten (LSAP) regieren. In seinem kleinen Heimatland nennt man ihn traditionell „Herr Staatsminister“. Er ist ein enger Vertrauter von Bundeskanzler Schröder, ein überzeugter Europäer, immer ausgewogen, konservativ aber sozial denkend, locker und unverkrampft, ein Mann klarer Prinzipien. Eigenschaften, die ihn schon als junger Mann auszeichneten. Als Sohn eines Stahlkochers, der während des Zweiten Weltkrieges von Nazi-Deutschland zum Einsatz an der Ostfront gezwungen worden war und schwer verletzt wurde, wird Jean-Claude am 9. Dezember 1954 in Rédange-sur-Attert geboren. Vier Jahre lang studiert er „ohne großen Enthusiasmus“ Jura in Straßburg. Hier trifft er auch seine zukünftige Frau, Christiane Frising. Mit 28 Jahren kürten die Luxemburger ihn zum Staatssekretär für Soziales. Wenig später wurde er zum Arbeitsminister. 1989 machte man ihn zum Finanzminister. Seit 1995 ist er zudem auch Premierminister, nachdem sein politischer Ziehvater Jacques Santer nach Brüssel ging. Vielleicht kommt all dieser Schaffensdrang von seiner „Wiedergeburt“: 1989 liegt er nach einem schweren Autounfall zwei Wochen lang im Koma. Seither ist er noch weniger zu bremsen. 1992 beginnt er die größte Steuerreform, die das Land je gesehen hat. Fünf Jahre lang ist er Vorsitzender seiner Partei. Er ist Brückenbauer, der ständige Vermittler in Brüssel. Konflikte ahnt er, bevor sie noch entstanden sind. Er vermittelt zwischen Helmut Kohl und Jacques Chirac, als es um den Stabilitätspakt geht, und wird deshalb 1996 kurzerhand von der Presse zum „Held von Dublin“ ernannt. So ganz ohne EU geht es dann aber doch nicht: Für zwei Jahre wurde Juncker zum Vorsitzenden der Euro-Gruppe der Finanzminister ernannt. „Mister Euro“ hat derzeit alle Hände voll zu tun, seit Januar ist er turnusgemäß auch noch für ein halbes Jahr EU-Ratspräsident. Es ist seine vierte EU-Präsidentschaft. Zu viel auf einmal? In einem WELT-Interview streitet Juncker das ab: „Wenn man bedenkt, wie viel Zeit Regierungschefs damit verbringen, mit ihrem Finanzminister zu streiten, dann ist meine Personalunion ein großer Zeitgewinn. Ich muß mich nur mit mir selbst unterhalten und kann nach anstrengender Debatte eine Lösung finden.“ Im Dezember gerade 50 Jahre alt geworden, ist Juncker ein Realist, der unter den meisten seinen Kollegen in Europa höchstes Ansehen genießt. Der Süddeutschen Zeitung sagte er: „Wunder gibt es nicht in Europa, aber gut überlegte Maßarbeit hat auch ihren Zauber.“ Diesen Zauber will Juncker aufrecht erhalten. Bis Juni hat er sich drei Dinge vorgenommen: Er will der EU eine Einigung über die umstrittene Finanzplanung für die Jahre 2007 bis 2013 bescheren. Sonst, so warnt Juncker, könnten viele EU-Programme nach 2007 schlicht ausfallen. Zudem will er die "Lissabon-Strategie" mit Leben erfüllen und - die erste Priorität - einen Beschluss des Europäischen Rates über Änderungen des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts herbeiführen. Unbemerkt bleibt jemand wie Juncker nicht. Nicht bei Kollegen, nicht bei den Wählern, nicht bei den Konkurrenten. Ergebnis sind als kleiner Nebenverdienst auch drei Ehrendoktortitel und der Ehrenbürgertitel der Stadt Trier. Sowie einige Preise, die unterschiedlicher nicht sein könnten: 2004 wird Juncker mit dem Heinrich-Brauns-Preis des Bistums Essen (mit 5000 Euro dotiert) für sein christlich motiviertes Wirken für den europäischen Integrationsprozeß und die EU-Erweiterung ausgezeichnet. Im gleichen Jahr bekommt er den Preis „Schlitzohr des Jahres“ verliehen, er, der nie um einen Witz oder einen Spruch verlegen ist. Vielseitigkeit zahlt sich eben aus.