Nach dem Mord an Hrant Dink ist der Täter zwar gefasst, die Hintergründe der Tat weisen in eine eindeutige Richtung, und die Öffentlichkeit solidarisiert sich. Der türkische Kampf um die Meinungsfreiheit ist jedoch nicht zu Ende.
Der Mörder des am vergangenen Freitag erschossenen türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink ist gefasst. Täter ist der erst 17-jährige Ogün Samast aus der Hafenstadt Trabzon. Ob er ein Einzeltäter ist, oder aber im Auftrag einer nationalistischen Gruppe gehandelt hat, ist im Augenblick noch nicht geklärt. Der Vorfall beschäftigt türkische Medien und Politiker ebenso wie Befürworter der Meinungsfreiheit und Bürgerrechtler, für die Hrant Dink zum Märtyrer wurde.
Ogün Samast wurde in der Nacht auf Sonntag in einem Bus festgenommen, mit dem er in seine Heimatstadt zurückkehren wollte. Sein Vater hatte den Minderjährigen auf den veröffentlichten Bildern der Überwachungskameras, welche die Tat filmten, erkannt und die Behörden alarmiert. Schon in der ersten Vernehmung hat Ogüb Samast gestanden, den Mord begangen zu haben, „nachdem ich das Freitagsgebet gesprochen habe“. Als Motiv nannte der Täter die angebliche Beleidigung des „türkischen Blutes“ durch den Journalisten.
„Beleidigung des Türkentums“
Hrant Dink war der prominenteste Bürgerrechtler für die armenische Minderheit in der Türkei und Herausgeber der Zeitung „Agos“. Ebenso wir der Schriftsteller Orhan Pamuk, mit dem er eng befreundet war, kritisierte Dink die Gesetze des türkischen Staates, die jede Diskussion über den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916 verbieten. Dink forderte in seiner Zeitung vehement die Versöhnung der Türkei mit den Armeniern.
Dies brachte ihm im vergangenen Jahr eine Bewährungsstrafe ein. Der Grund war die angebliche „Beleidigung des Türkentums“ nach Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches. Genau gegen diesen Paragraphen, mit dem sich jede öffentliche Äußerung zum Völkermord, dem eine Million Armenier zum Opfer fielen, als Straftat definieren lässt, versuchte Dink Zeit seines Lebens vorzugehen.
Dink stand neben einigen anderen in der Türkei für Demokratie und Pressefreiheit, und für einen modernen, aufgeschlossenen Staat auf dem Weg nach Europa. In einem Gespräch mit der ‚Süddeutschen Zeitung’ im Dezember 2006 erinnerte er an die Verwurzelung mancher Türken im armenischen Volk und von der Annäherung der Staaten, die von beiden Seiten kommen müsse. Er sprach von wirtschaftlicher Zusammenarbeit und von offenen Grenzen zwischen den Nachbarn.
Kampf für die Meinungsfreiheit
Auch Orhan Pamuk wurde vor einem Jahr Prozess gemacht, weil er sich das Recht, offen über die Verbrechen des türkischen Volkes zu sprechen, nicht nehmen lassen wollte. Das türkische Justizministerium erkannte damals jedoch rechtzeitig die Prominenz der Person Pamuks in der europäischen Öffentlichkeit und stellte das Verfahren wegen „Unzulässigkeit“ ein. Heute ist Pamuk, wohl auch wegen seines Engagements für die Meinungsfreiheit in der Türkei, Nobelpreisträger für Literatur.
Sowohl Pamuk als auch sein Freund Hrant Dink mussten sich deswegen von Seiten nationalistischer Gruppen einiges Gefallen lassen. Noch in einer seiner letzten Kolumnen, die er auf türkisch und armenisch in seiner Zeitung veröffentlichte, berichtete Dink über die „wütenden und drohenden“ E-Mails, die er erhalten hatte, vom Psychoterror, unter dem er zu leiden hatte. Trotz allem entzog sich Dink nicht der Öffentlichkeit, und sein Büro in der Innenstadt Istanbuls, vor dem er ermordet wurde, stand jedem offen. Ogün Samast war am vergangeen Freitag mehrmals vor diesem Haus gesehen worden.
Opfer der Nationalisten
Trabzon, die industriell geprägte Stadt am Schwarzen Meer, gilt als Hochburg nationalistischer Gruppen, die jede Verunglimpfung des türkischen Volkes mit Drohungen zu beantworten wissen. Der junge Ogün Samast kann ein Einzeltäter sein, er kann jedoch auch nur ausführendes Organ einer jeder Gruppierungen gewesen sein. Ein Onkel des Täter stellte gegenüber dem Fernsehsender NTV die Vermutung auf, die derzeit viele haben: „Dieser Junge wurde benutzt!“.
Zusammen mit Samast wurden noch am Wochenende sechs weitere Personen aus Trabzon festgenommen, die mit der Tat in Verbindung stehen könnten. Nach Medienberichten ist unter ihnen ein Mann, der 2004 einen Anschlag auf ein McDonalds-Restaurant verübt hatte. Die Zeitung „Milliyet“ berichtet, dieser Mann habe Samast zum Mord an Hrant Dink ermutigt und ihm die Mordwaffe gegeben.
Türkische Öffentlichkeit verurteilt Mord
Die türkische Presse ist sich in diesem Falle einig wie selten. Nicht Dink sei derjenige, der dem Ansehen der Türkei schade, sondern: „Der Mörder ist der Landesverräter“, wie die „Hürriyet“ schreibt. Die Medien sprechen von einer „Nationalen Schande“, Premier Erdogan nannte das Attentat „abscheulich“. Man ist sich einig, das dieses Attentat mit nationalistischem Hintergrund auf die gesamte Türkei abzielt, denn „Hrant Dink ist die Türkei“ („Milliyet“).
Die türkischen Medien, die nun einhellig den Mord an Dink verurteilen, waren in der Armenien-Frage selten auf der Seite des mutigen Journalisten. Und Tayyip Erdogan fischt seit jeher gerne im nationalistischen Lager nach Wählerstimmen. Die Betroffenheit, die derzeit scheinbar diese Nation eint, geht wohl bei weitem nicht so tief, wie es die Beileidsbekundungen, die Demonstrationen und Veranstaltungen zu Ehren Hrant Dinks vermuten lassen. Die Bewährungsprobe in Sachen Vergangenheitsbewältigung steht noch aus.