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20.09.2004Russlands Lenker

Wohin führt Putins Weg?

Was ist Putin? Ein gewiefter Taktiker, ein brillianter Stratege? Oder nur ein rücksichtloser Autokrat? Ein Porträt.

Wladimir Putin ist ein Mann mit vielen Gesichtern: beherzter Reformer, Partner des Westens, Mann des Geheimdiensts und eiserner Kriegsherr in Tschetschenien. Unter dem Eindruck seiner Reaktion auf das Massaker von Beslan fragen sich nun Europa und die USA gleichermaßen, wohin Putin Russland wohl führen mag. Zeigt die drastische Forcierung seiner „Vertikalen der Macht“ in Richtung Autoritarismus? Oder wird der Weg für Reformen fortgesetzt? 

Der Westen unterlässt es nicht, mal wohlgemeinte, mal strenge Ratschläge in Richtung Moskau zu erteilen. Doch eine reine Beurteilung nach westlichen Standards wird der herkuläischen Aufgabe, vor der sich Russlands Präsident sieht, nicht gerecht. Wladimir Putin ist ein Kind der Sowjetunion und muss ihr schwieriges Erbe schultern.  

Ein Blick auf Putins Biographie macht dies deutlich. Geboren 1952, entstammt er einer Petersburger Arbeiterfamilie aus bescheidenen Verhältnissen. Geistig wuchs er sowohl in Nähe zur Kommunistischen Partei, als auch zur  Orthodoxen Kirche auf. Er unterlag demselben Identitätsspagat wie viele seiner Generation. Zum KGB-Agenten wurde er aus Überzeugung: Dies war die Elite, der ein aufstrebender junger Mann wie er angehören wollte.

Im Kreis der  Reformer

Sein weiterer Werdegang setzt diese schon im Keim enthaltene Anpassungsfähigkeit und Vielfalt an Geisteshaltungen fort. Nach dem Jura-Studium gerät Putin schnell ins Umfeld seines künftigen Mentors, des späteren St. Petersburger Oberbürgermeisters Anatolij Sobtschak. Darauf folgt ein mehrjähriges Intermezzo als Auslandsagent in der DDR – wo er als Perestroika-Anhänger schockiert den Zusammenbruch des Sowjetimperiums erlebt.  

Er kehrt nach St. Petersburg in den reformerischen Kreis um Sobtschak zurück. Der macht sich daran, die Stadt umzukrempeln, sie zu öffnen – und Putin ist vorn mit dabei. „In St. Petersburg machte sich Putin um erhebliche Fortschritte im Außenhandel verdient“, so der renommierte Russlandkenner Professor Henning Schröder von der Bremer Forschungsstelle Osteuropa. „Während dieser Zeit eignet er sich solide Wirtschaftskenntnisse an, die ihm heute mehrfach zugute kommen“. Denn im Thema Außenhandel kennt sich der wortkarge Mann aus - schließlich hat er dazu einst seine Abschlussarbeit an der Leningrader Uni verfasst. 

Schließlich wird Sobtschak in St. Petersburg abgewählt, sein Schützling geht nach Moskau in die KGB-Zentrale. Damit verschwindet er für einige Jahre von der Bildfläche, bis ihn ein anderer Mann wieder hervorzaubert. Es handelt sich um Boris Jeltsin, den gesundheitlich angeschlagenen Präsidenten. Im Zeitraffer macht er Putin zuerst zum Chef des Inlandgeheimdienstes FSB, um ihn dann, mit einem medialen Paukenschlag, der erstaunten Öffentlichkeit als neuen Ministerpräsidenten und designierten Nachfolger zu präsentieren. Den Überraschungscoup rundet Jelzin mit seiner Neujahrsansprache zum Jahrtausendanfang 2000 ab: Mit sofortiger Wirkung tritt er von seinem Amt zurück. Nach unterschriebenem Immunitätsdekret für seinen Vorgänger ist Wladimir Putin plötzlich mächtigster Mann im Staat.  

Mit Krieg an die Macht 

Sofort kündigt er ein resolutes militärisches Eingreifen in Tschetschenien an. Auf einer Welle von neu entfachtem Patriotismus, mit teils unverhohlen nationalistischen Zügen, kann er drei Monate später in den Präsidentschaftswahlen eine deutliche Mehrheit erringen. Mit seinem Amtsantritt muss nun der Neuankömmling seine Maske abnehmen.  

Heute, nach vier Jahren und einer unangefochtenen Wiederwahl, ist das Bild gemischt. „Schon ab 2000, spätestens ab 2001 kann von eigentlicher Demokratie in Russland keine Rede mehr sein“, so Russlandexperte Schröder. „Nach den chaotischen, von staatlicher Einmischung freien Jelzin-Jahren wurde sehr schnell deutlich: Putin hat eine ordnende Hand. Dies ist die gute, aber zugleich auch die problematische Seite an ihm.“ 

Dieser Meinung ist auch Sabine Gladkov. Die Münchner Publizistin und Russland-Expertin hat ein Wiedererstarken tot geglaubter Verhaltensweisen beobachtet: „In ganz Rußland kommt es verstärkt wieder vor, dass heikle Dinge nicht am Telefon besprochen werden wollen. Diese Angst vor der Abhörung paart sich mit einem beunruhigenden Boom an Pop-Kultur, die den Opfertod für das eigene Land hochstilisiert. Das kann nicht ohne Billigung des Regimes geschehen.“

Demokratie schon wieder am Ende?

Also doch wieder der Schatten einer Diktatur, die auf nichts als militärische Stärke setzt? „Das steht zu befürchten. Fakt ist, dass sich Putin zu stark auf den Apparat stützt. Dirigistische Tendenzen sind unverkennbar“, so Gladkov. Dabei ist Putins Machtbasis nicht unbedingt das Heer. So musste der preisgekrönte Judoka nie mit der Waffe dienen – ein paar Vorlesungen Militärtheorie an der Universität taten es auch. Folglich kann er hier nicht auf gewachsene Seilschaften setzen.

„Putins Machtbasis sind vielmehr die Petersburger Tschekisten, also Geheimdienstler“ erklärt Professor Schröder. „Sein Problem ist jedoch, dass es davon zu wenige gibt. Obwohl sie hoch talentiert sind, kann er mit ihnen allein den Staat nicht lenken.“ Denn die Macht in Russland ist nach wie vor stark fragmentiert. Auf der regionalen Ebene bestehen Lokalfürsten, die lange Zeit vollkommen unbehelligt von der Zentralgewalt handelten. Auf die hat es Putin nun abgesehen. Er ernannte sieben Beauftragte für die Föderalregionen, die den über 80 Chefs der Teilrepubliken gegenüber weisungsbefugt sind. 

„Die Oligarchen sind spätestens seit der Yukos-Affäre eingeschüchtert, die Medien handzahm“, so Schröder. „Zwei der Stützen aus der Jelzin-Zeit sind also bereits ausgeschaltet. Nun geht es darum, vollends die Kontrolle über den Apparat sowie über die Regionen zu erlangen.“ Putin hat letztlich nur zwei Optionen. Zum einen kann er mit wechselnden Fraktionen des Machtapparats paktieren, sie gegeneinander ausspielen, um die eigene Macht zu vergrößern. Als Klammer dafür eignet sich seine Vision eines „Großen Russlands“. Einen anderen Weg empfiehlt hingegen Schröder: „Putin kann nur wirklich gewinnen, wenn er eine Zivilgesellschaft formt, die sich zu seinen Gunsten einsetzt. Die Partikularinteressen müssen von unten her aufgeweicht werden.“

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