"Russland, Witz des Monats vom Januar 2005:Wahlen 2008 - 'So, und jetzt, Genossen Abgeordnete: Wer für die Wahl von Wladimir Wladimirowitsch Putin zum Zaren ist, kann die Hände herunternehmen, und von der Wand wegtreten.'"
Knapp ein halbes Jahr nach der Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 in Moskau ist nun posthum ihr letztes Werk erschienen: Das „Russische Tagebuch“.
Wie ein Vermächtnis liest sich das Buch, das Vermächtnis einer Frau, die es wagte, die Wahrheit niederzulegen, und sie mit ihrem Buch zu bezeugen – eine Wahrheit, deren Folgen für Anna Politkowskaja selbst zum Verhängnis wurden.
Klar und präzise geht sie in ihrem „Tagebuch“ den politischen und sozialen Entwicklungen in Russland zwischen Dezember 2003 und August 2005 nach. Sachlich und mit einer unglaublichen Detailfülle zeichnet sie in der täglichen Entwicklung, ausgehend von der zweiten Wiederwahl Putins zum Präsidenten 2003, den zunehmenden Verfall demokratischer Werte und die Entwicklung Russlands zur Halbdiktatur nach.
Dabei zeigt sich die Autorin ebenso kritisch und engagiert wie in ihren bisherigen Veröffentlichungen „In Putins Russland“, und „Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg“. Alle ihre Bücher mussten in London erstmals erscheinen, die Zensur des Kreml hätte sie niemals drucken lassen.
Von der Analyse zum Urteil
Anna Politskovskaja tritt kaum als Protagonistin ihres Buches auf, sie bleibt kritische Beobachterin und analysiert und beurteilt das Geschehen, oft sarkastisch, resigniert, meist aber rein sachlich. Die Fakten sprechen für sich, oft durch Zeugenaussagen untermauert. Die akribische Nachforschung der Autorin und ihre enge Vertrautheit mit der Problematik und Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten des russischen Widerstands lassen keinen Zweifel an der Wahrheit ihres Berichts.
Um so erschüttender Politkowskajas Urteil, ein Urteil, das überall präsent ist im „Russischen Tagebuch“, und das das Buch zum Pamphlet werden lässt, zu einer radikalen Anklage gegen ihr eigenes Land, in dem so vieles falsch verläuft.
"Unsere Gesellschaft ist krank: Deshalb ist ein Putin überhaupt erst möglich."
Mit knallharter Offenheit deckt sie die Vorgehensweise der Partei „Einig Russland“ zu ihrer absoluten Machtsicherung auf. Eine Partei, die sich teils auf systemtreue Kriminelle, teils auf finanzkräftige Oligarchen stützt, und der es nur um die Erhaltung der eigenen Macht geht, und das mit allen Mitteln. Das Volk dient im ersten Schritt der Machtlegitimation, gefälschte Wahlergebnisse geben aber schon bald keineswegs mehr „Volkes Stimme“ wieder, bis die Regierung dem Volk diametral gegenüber steht.
Das Verhältnis zwischen Regierung und Volk ist ein rein zweckmäßiges: „Putin besitzt eine ausgeprägte Fähigkeit zur Mimikry: Braucht er dich, gibt er sich wie du, braucht er dich nicht, ist er dein Feind“, so die Taktik des „volksnahen“ Regierungschefs.
Anna Politkowskaja steht klar auf der Seite des leidenden Volks. In Einzelportraits stellt sie eindrucksvoll die Situation der Opfer des Regimes dar, die durch den Krieg in Tschetschenien oder damit verbundene Terroranschläge in Russland alle Hoffnung verloren haben.
So zum Beispiel die Verzweiflung der „Mütter von Beslan“, die ihre Kinder 2004 bei der gewaltsamen Zerschlagung einer Geiselnahme in der Turnhalle einer Grundschule verloren hatten. Oder auch die Witwen der für Russland umgekommenen Soldaten, die in tiefster Armut leben, weil der Staat jedes Interesse an ihnen verloren hat.
Anna Politskovskaja beschreibt und begleitet den Kampf der Hinterbliebenen um eine Antwort auf die immer dringlicher werdende Frage: Wie hat der Staat das zulassen können? Oder steckt er gar selbst dahinter?
"Und das Volk schluckte das"
Mit der gleichen Radikalität, mit der sie die Machthaber angeht, greift Politskovskaja auch ihre Landsleute selbst an. Wie ein Refrain erscheint die ernüchternde Erkenntnis der Passivität eines Volks, das trotz Unzufriedenheit lieber in Ruhe gelassen wird als sich politisch zu engagieren, das gewohnt ist, alles hinzunehmen – ein Erbe seiner Geschichte, wie Politskovskaja meint. Erst Zar, dann Kommunismus, die Russen sind es gewohnt, zu erdulden, und erdulden nun auch, dass Putin in seiner Herrschaft Züge des Zarentums und der UDSSR in sich vereinigt.
Aufruf zum Widerstand
Aber diese Nachricht gibt Anna Politskovskaja ihrer Nation mit auf den Weg: Das Volk wird aufwachen müssen, wenn es die Gerechtigkeit wiederfinden will. Und: Die Neo-Kommunistische Bewegung, laut Politskovskaja gemäß einer weiteren Ironie des Schicksals heute „demokratischste“ Kraft der russischen Parteilandschaft, wird Zulauf finden. So stellt sie in ihrem „Tagebuch“ auch ihre Vision für die Zukunft dar, in der das russische Volk wohl wieder nicht zur Ruhe kommen wird:
„Unsere Revolution, wenn es denn zu ihr kommt, wird rot sein. Und deshalb wird sie blutig sein. Dabei wird sich niemand dafür verbürgen können, dass die von der Präsidialverwaltung Aufgepäppelten in den Straßenschlachten ihre Hooliganketten nicht gegen ihre politischen Ziehväter wenden.“
„So ein Land zu fürchten gibt es Grund genug. Und vor ihm zu kuschen, wie es gegenwärtig Staatsmänner aus aller Welt tun, die es vorziehen, sich mit Putin zu küssen, statt ihn in die Schranken zu weisen“, schreibt Politkowskaja. Mit ihrer Ermordung hat sie einen letzten Beweis dafür erbracht, dass ihre Befürchtungen zutreffen. Vielleicht hilft aber diese letzte Tatsache endlich, die Menschen wachzurütteln aus ihrer Unwissenheit und Gleichgültigkeit – denn das ist es, was Anna Politskovskaja wollte.
Anna Politskovskaja, Russisches Tagebuch, DuMont