01_aktion_300x300
Bildgalerie
Robert Pattinson und Kristen Stewart in 'Twilight Eclipse': Ewiger Treueschwur
Highlights der Woche (KW 20)
Diese Seite DruckenDiese Seite weiterempfehlen
StartseiteDealsPlayersAnna Politkowskaja: Ein weiteres Opfer von Wladimir Putin

17.10.2006Anna Politkowskaja: Ein weiteres Opfer von Wladimir Putin

Seltsames Erstaunen

Mit der Journalistin Anna Politkowskaja wurde eine der engagiertesten Kritikerinnen Putins ermordet. Dessen Umgang mit Medien ist symptomatisch für sein Politikverständnis. Der Westen sollte den Umgang mit dem Autokraten überdenken.

Anna Politkowskajas letzter Artikel – er wurde wenige Tage nach ihrem Tod veröffentlicht – beschreibt in wenigen Worten, woran Russland dahin siecht: „Kämpfen wir mit legalen Mitteln gegen die Gesetzlosigkeit? Oder zerschlagen wir sie mit unserer eigenen Gesetzlosigkeit?“, schreibt sie. Und gibt damit eine prägnante Zustandsanalyse russischer Verhältnisse und wohl auch einen Hinweis auf das Drehbuch ihrer eigenen Ermordung.

Denn dass es sich beim Mord an der Journalistin um einen politischen Auftragsmord handelt, scheint klar. Vor einigen Jahren schon wurde eine Nachbarin Politkowskajas ermordet, die nicht nur das Pech hatte, im gleichen Haus zu wohnen, sondern der Feindin des Systems Putin auch noch verdammt ähnlich zu sehen.

Das Fatale an der Ermordung Politkowskajas ist, dass wohl weder Präsident Vladimir Putin noch sein kaukasischer Vasall, der tschetschenische Ministerpräsident Ramsan Kadyrow tatsächlich einen unmissverständlichen Auftrag zum Mord an der Journalistin gegeben haben. Dazu war – erstaunlich für westliche Beobachter – Politkowskaja in Russland zu unwichtig.

Ihre Zeitung, die Nowaja Gaseta, war zwar eine publizistische Fackel der Putin-Gegner, aber im Vergleich zu anderen Medien zu klein, um in Russland selbst meinungsbildend zu wirken. Im Biotop der von Putin gleich geschalteten Medien ist das Blatt höchstens eine mediale Rückenstärkung für jene, die Putins Politik – zumal jene in Tschetschenien – nicht gutheißen. Wirklich gefährlich werden kann sie aber dem Machtapparat nicht. Insofern dürfte die Ermordung Politkowskajas auch das Werk des mittleren Managements in der Putinschen Machtfabrik gewesen sein.

Es hat wohl gereicht, dass Kadyrow oder Putin des öfteren über die nervende, die unangenehme und die noch dazu im Westen verehrte Politkowskaja gestöhnt haben, um den Auftragsmord zu ermöglichen. Genau das ist es aber, was der Meinungsfreiheit in Russland auch in den nächsten Jahren schwer zu schaffen machen wird: es braucht keinen offen ausgesprochenen Auftrag zum Mord, um eben diesen erledigen zu lassen.

Für Putin, den kalten Machtpragmatiker, ist das ein Triumph, denn es beweist, dass sein System der politischen Intrige, sein System der politischen Fatwa auf russische Art bestens funktioniert. Putin hat seinen Apparat im Griff und braucht nicht einmal mehr Befehle zu erteilen, damit die ausgeführt werden. Gelernt hat er das Spiel der Intrige und des sich selbst regulierenden absolutistischen Systems wahrscheinlich während seiner Zeit beim KGB.

Zum Todesurteil für Politkowskaja dürfte auch geführt haben, dass sie zwar in Russland eher unwichtig war, dafür aber enge Kontakte mit dem Westen geknüpft hatte. In Wien hielt sie sich mehrere Monate auf, um hier ein Buch zu schreiben. In Wien gab sie Interviews über den Apparat der russischen Generäle, die Tschetschenien zum Testgelände ihrer militärischen Eitelkeiten gemacht hatten. Und dem Autor dieser Zeilen sagte sie bei einem Treffen in Wien, dass Putin wahrscheinlich nicht einmal den Krieg in Tschetschenien beenden könnte, wenn er wollte.

Ihre Ermordung also, die unter westlichen Journalisten, Schriftstellern, aber auch Politikern, heftigste Reaktionen hervorrief, war also auch ein Signal an den Westen: russisches Leben hat in Russland keinen Wert, wenn es russische Interessen im Westen zu konterkarieren versucht. Der Westen wird Putins Lektion verstehen müssen: Wir haben es mit einem Autokraten zu tun, der sein Land von den Werten Resteuropas wegführt und Einfluss über die Abhängigkeit des Westens von russischen Rohstoffen zu gewinnen versucht.

Die russischen Medien haben sich in den Tagen nach dem Mord mit der Bluttat arrangiert. Im russischen Fernsehen kam die Nachricht von Politkowskajas Tod in den Nachrichtensendungen eher in der Meldungsübersicht. Ein Mord eben unter vielen in Moskau – ein Mord immerhin an einer Journalistin. Mehr aber auch nicht. Die russischen Medien haben gelernt: wenn der Präsident zu einem Ereignis schweigt, dann haben auch sie zu schweigen. Die Themen werden im Kreml diktiert – indirekt natürlich und mit sanftem, auch kommerziell ausgeübtem Druck. Der Journalismus in Russland hat sich Selbstzensur verordnet.

Wenn Putin Vertreter westlicher Medien empfängt, kann der Mann mit den toten Augen ein charmanter Gastgeber sein. Ausgerechnet in Moskau tagte in diesem Jahr der Weltkongress der Zeitungsverleger. In seiner Eröffnungsrede sagte Putin: „Der Pressefreiheit verdankt Russland unglaublich viel. Ich versichere, dass ich als Präsident alles dafür tun werde, dieses Gut zu schützen.“

Anna Politkowskaja wollte über den Kongress berichten. Sie konnte nicht: man verweigerte ihr die Akkreditierung. Darüber berichtete niemand. Offensichtlich waren die Mächtigen der Medien dieser Erde geblendet vom Staatsmann Putin, der vor ihnen ein Potemkinsches Dorf eines Russland aufbaute, das es so nicht gibt.

Vielmehr geht Russland auch in seinem Verhältnis zu den eigenen Medien einen seltsamen Weg: Kommerziell erfolgreich ist, wer sich mit der Staatsmacht arrangiert. In der Sowjetunion nannte man das wahrscheinlich noch Korruption, heute heißt es Marktwirtschaft.

Verstörend wirkt wenige Tage nach dem Mord höchstens die Verwunderung, die im Westen ob des tragischen Todes Anna Politkowskajas herrscht. Selbst Angela Merkel war demonstrativ entsetzt und kündigte an, Putin mit dem Thema zu konfrontieren, als der in Dresden, seiner alten KGB-Wirkungsstätte, zu Besuch war. Aber wirklich erstaunt müssen nur diejenigen sein, die sich von Putin in den letzten Jahren haben blenden lassen – und das sind vor allem die deutschen Eliten: Putin spricht perfekt Deutsch, seine Frau spricht perfekt Deutsch, seine beiden Töchter besuchen die deutsche Schule in Moskau.

Das macht sympathisch. Und dass er sich in schickes Tuch hüllt, und im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jelzin niemals besoffen durch die Weltgeschichte wankt, scheint deutschen Managern und deutschen Politikern auch sehr zu gefallen. Ein Autokrat eben, der Manieren hat. Und in Wirklichkeit im Umgang mit Medien nichts weniger als Stalinsche Rezepte verfolgt.

schwarz@europolitan.de

Neuen Kommentar schreiben Leser-Kommentar (0)