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Rezession? Die Welt jammert - und Neapel steht Schlange

09.01.2009MITTELMEERMETROPOLE IM KAUFRAUSCH

Rezession? Die Welt jammert - und Neapel steht Schlange

Lange Schlangen – das ist die Charakteristik Neapels zum Jahresanfang. Ob bei Regen oder Sonnenschein, ob vor den Pizzerien oder den Boutiquen: Die Neapolitaner stehen Schlange – und trotzen damit der anstehenden Wirtschaftskrise mit genau dem, was sich deutsche Politiker von ihrer Bevölkerung wünschen: Voller Optimismus kaufen sie ein, was das Zeug hält.

Wie kann also dieser Konsumrausch sein, in einer Stadt mit offiziell etwa einer Million Einwohner, deren Dunkelziffer jedoch wegen nicht amtlicher Registrierung wesentlich höher geschätzt wird? In der die Arbeitslosenquote zwischen 20 und 30 Prozent schwankt? Die ein Korruptionsskandal zum Jahreswechsel den ohnehin von mehreren Skandalen gebeutelte Gemeinderat Neapels heftig zum wackeln brachte? In der die Camorra als größter Arbeitgeber gilt? Die noch vor kurzem Schlagzeilen wegen Müll-Mafia machte?

Überwiegend Kleinunternehmen prägen die Wirtschaft. Über die Hälfte (54 Prozent) der von der neapolitanischen Handelskammer registrierten Unternehmen haben weniger als 20 Beschäftigte. Registriert waren 2005 fast 264.956 Gesellschaften; im Jahr 2001 waren es noch um die 138.000. Ein Anstieg von 92 Prozent. Über die Hälfte (54 Prozent) der Unternehmen hatten weniger als 20 Beschäftigte. Allerdings sind offizielle Daten nur mit Vorsicht zu genießen: Denn exakte Zahlen sind, wie alle neapolitanischen Wirtschaftsdaten, nur schwer zu bestimmen, da ein großer Teil durch die Schattenwirtschaft kompensiert wird.

„In diesem rechtsfreien Raum, dieser Schattenwirtschaft, lässt es sich ganz gut überleben", berichtet der Parkhauswächter Antonio Langella. Dadurch sei in Neapel „l'arte d'arrangarsi" (Die Kunst sich zu arrangieren) zur Hochblüte gereift. Das war auch nötig in der wechselhaften Geschichte der Stadt, die häufig unter Fremdherrschaft stand. Das Lavieren zwischen Regeln und Gesetzen, die so oft wechselten wie die Herrscher, lehrte diese besondere Form des Arrangierens. Denn die heutige Arbeitslosigkeit macht es Nötig, dass jeder Neapolitaner mehreren Jobs nachgeht - mehr oder weniger offiziell, mehr oder weniger legal. „Eher die im Norden müssen um ihren Arbeitsplatz bangen", sagt Langella. Denn dort befänden sich ja auch die großen Firmen, die Arbeitsplätze abbauen. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus macht die kommende Krise kaum jemandem Angst in Neapel.

In den Läden der Stadt herrscht ein zwar lautstarkes, aber dafür unaggressives Chaos. Nach meterlangen Warteschlangen im Regen vor den Boutiquen und erfolgtem Einlass durch einen „Türsteher" geht es dann nach erfolgreichem Wühlen wieder zum braven Anstehen; diesmal zum bezahlen des erwünschten Schnäppchens. Wer jedoch glaubt, der Neapolitaner tue das mit der gleichen stoischen Ruhe wie der Brite oder auch der Deutsche, der irrt. Der Neapolitaner kommentiert sein eigentlich selbsterwähltes Schicksal - eben das Schlangestehen - mit mehr oder weniger derben Flüchen. Meist auf „Nnapulitano" (auf italienisch: Napoletano), dem Stadteigenen Dialekt, der viele Endsilben einfach verschluckt und irgendwie dahingerotzt kling.

Was hierzulande eher als obszön und unerzogen gilt, dass ist für den Neapolitaner Ausdruck (im wahrsten Sinne des Wortes!) seiner Gefühlswelt und taugt dazu noch mit dem Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Immerhin hat man ja das gleiche Problem: gute Basis für eine anfängliche Kommunikation. „Ohne Kommunikation würde ein Neapolitaner wohl genauso verhungern, wie ohne Pasta oder Pizza", meint der Musikproduzent Rosario Castagnola, der unter anderem den auch hierzulande bekannten Hit „Un Monde parfait" mit der französischen Sängerin Ilona Mitrecey produziert hat. „Und wobei ließe sich besser Kommunizieren als bei gutem Essen", sagt er mit einem Blick auf seine Pizza. Wir sitzen im Da Michele, laut Aussage vom Chef des independent Labels RC Music, die beste Pizzeria der Stadt. Eine Besonderheit ist der selbstgemachte Teig, der über Nacht zieht. Und wenn der mal verbraucht sei, dann gibt es eben keine Pizza mehr. Immerhin berichtete sogar die New York Times über den runden Teig mit Tomatensoße und Mozzarella und auch Bill Clinton speiste hier schon. Doch das Da Michele ist nicht etwa eine Edel-Pizzeria mit hippen Ambiente: eher simpel, mit einfachen Marmortischen und Holzstühlen. Drinnen herrscht reges treiben; draußen vor dem Eingang, wie könnte es anders sein: eine Warteschlange.

Das ist kein Einzelfall: Auch vor dem Brandi, wo die Pizza Margherita erfunden wurde, stehen Leute an; vor der Port'Alba heißt es 30 Minuten Wartezeit, doch einige warten auch schon länger. Vor Bennetton und Zara, bei Gucci und Prada sieht es ähnlich aus. So als ob niemand von der kommenden Krise wissen möchte. Einige Boutiquen schreiben trotzig „Fuck Recession" auf ihre Schaufenster. Dabei haben die Geschäfte eben wegen der Wirtschaftskrise schon vor Weihnachten die Preise gesenkt und am Tag der offiziellen Saldi (Schlussverkauf) gab's nochmal einen drauf: bis zu 80 Prozent billiger. Da kann man das Warten vor dem Eingang und den Kassen ja noch nachvollziehen; aber beim Essen, da gibt es keinen Rabatt? „Da spart der Neapolitaner nicht - niemals", erklärt Castagnola knapp.

Aus der Neujahrsansprache des Staatsoberhauptes Giorgio Napolitano schöpfen die Napolitaner ihren Optimismus sicherlich nicht. Wie in den meisten Neujahrsansprachen anderer Länder verbreitet auch Napolitano Zweck-Zuversicht: „Die Krise ist auch eine Chance." Zwar stünden viele Probleme an, wie beispielsweise die hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und Frauen, doch könnte nach den nötigen Reformen diese „am Ende zu einem besseren Italien führen". Einige dieser Reformen würden unbequem werden, gab er staatsmännisch zu. Doch verriet er bei einem Privatbesuch des noblen Cafe Gambrinus, nahe dem Palazzo Reale (Königspalast), in seiner Heimatstadt Neapel: „Ich habe Vertrauen zur Reform-Zustimmung." Das klingt eher als ob er Mut machen möchte.

Die Kauflust erklärt sich wohl mehr mit der Mentalität der Neapolitaner: einen durch mehrere Krisen gestählten Optimismus. "Eigentlich befindet sich Neapel in einer Art Dauerkrise", meint Castagnola, "deswegen hat man hier gelernt, mit Krisen umzugehen". Es sei eine Form von gesunder Ignoranz. Bei fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit schrecken die Horrormeldungen über eine Weltwirtschaftskrise nicht mehr. Statt dessen vertraut der Neapolitaner auf seine Fähigkeit sich darauf einzustellen, seine Nische zu finden, sich durchzuschlagen, eben sich zu arrangieren.

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"Wenn Mailand der Kopf Italiens ist und Rom seine Seele, dann ist Neapel vielleicht das Herz des Landes", sagt Castagnola und fügt nach einem Blick auf sein Essen auf professionell dahingerotztem Neapolitanisch grinsend hinzu: "Jedenfalls ist angesichts des guten Essens ganz sicher sein Magen."

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