Er spricht Arabisch, kaum Englisch. Und doch wünscht sich Tayyip Erdogan nichts sehnlicher als den Anschluss zum Westen.
Recep Tayyip Erdogan ist überzeugt davon, dass sein Land bereit ist, der EU beizutreten. Derzeit macht er fleißig die für einen Beitritt nötigen Hausaufgaben. Mehr als 100 Reformgesetze hat er verabschiedet, um sich den EU-Normen anzugleichen. Diese Reformen sollen die Türkei stabiler machen und für gesellschaftlichen Frieden sorgen - so hofft der 50-Jährige.
Es hat sich wirklich viel getan in der Türkei: Die Todesstrafe ist abgeschafft, die Kurden dürfen ihre unterdrückte Sprache wieder frei sprechen, und die Generäle haben keine uneingeschränkte Macht mehr über das Land. Auch wird mehr Meinungsfreiheit eingeführt, Filme und Videos unterliegen nicht mehr der Zensur, Rundfunkstationen dürfen auch in Fremdsprachen senden. Die Mehrheit der Türken sind modern, so heißt es immer wieder, und 70 Prozent der Türken sind für eine Mitgliedschaft in der EU.
Saubermann der türkischen Politik
Mit Erdogan haben sie zudem offenbar auf das richtige Pferd gesetzt. Zielstrebig kämpft er für den Beitritt. Noch in diesem Jahr hofft er auf Verhandlungen, in wenigen Jahren dann mit der Mitgliedschaft. Sein Lebenslauf lässt vermuten, dass er sein Ziel erreichen wird. Denn gewissermaßen hat er den amerikanischen Traum in der Türkei gelebt. Geboren wurde er 1954 in einem Istanbuler Armenviertel. Er wächst in einer streng religiösen Familie auf, verkauft Sesamkringel am Straßenrand. Bald spielt er professionell Fußball in einem Spitzenklub - und hätte wohl zu etwas Großem in diesem Sport werden können, wäre nicht der eigene Vater aus religiösen Gründen gegen die kurzen Hosen gewesen. Also studiert Erdogan Wirtschaft und Politik und wird Mitglied der proislamischen Milli-Görüs-Bewegung. Mit Erfolg.
1994 wird er Bürgermeister von Istanbul. Er regiert wie ein Saubermann: baut neue Wasserleitungen, eine Metrolinie, Braunkohleöfen werden durch Gasheizungen ersetzt und Tausende von Bäumen werden gepflanzt. Aber auch der Korankenner in ihm macht Politik: Er wettert gegen Alkohol, zwingt Mädchen und Jungen in verschiedene Schulbusse, lässt für Frauen spezielle Badestrände einrichten.
Diese Einstellung ändert sich später. Da sagt er dann, sein Glaube sei seine Privatangelegenheit. Ein kluger Schachzug, der ihn dem Westen näher bringt. Vor zwei Jahren dann wurde er mit der AKP-Regierung zum türkischen Ministerpräsidenten. Und lange war kein Ministerpräsident in diesem Land so mächtig wie er. Immerhin schafft es Erdogan, eine Zweidrittelmehrheit für sich zu gewinnen. Die AKP ist konservativ, ihre Wähler gehören sowohl zu den traditionell gläubigen anatolischen Händlern wie auch zu den liberalen Geschäftsleuten der Großstädte. Die Partei kümmert sich um das gesamte türkische Volk, anstatt sich der politischen Lagerbildung zu verschreiben. Islamisch geprägt, aber modern will die Regierung sein.
Konflikt mit den USA
Selbstbewusst und charismatisch steuert Erdogan das Land auch durch den Irak-Krieg – auch wenn er damit die sonst guten Beziehungen zu den USA kurzerhand einfriert. Zunächst hatte man versichert, den USA im Irak-Krieg zu helfen. Dann aber hatte das Parlament die Stationierung amerikanischer Soldaten und die Benutzung türkischer Luftwaffenstützpunkte untersagt und somit die gesamte amerikanische Kriegsstrategie umgeworfen. Mittlerweile forderte Amerika 10.000 Soldaten, die die Türkei als Friedenstruppen entsenden sollten. Damit kann Erdogan leben. Denn den Irakern will er beim Wiederaufbau helfen, keinesfalls aber als Eroberer auftreten, wie er immer wieder betont. Er spricht seinem Volk aus der Seele - denn 70 Prozent lehnten einen Irak-Einsatz kategorisch ab. Ob die Beziehungen zu den USA wieder entspannter werden, bleibt abzuwarten. Erdogan ist überzeugt, dass es bald wieder aufwärts geht. In einem Focus-Interview sagte er: „Die USA sind ein strategischer Partner der Türkei. Diese Beziehung ist nicht an einem Tag entstanden, und sie zerbricht auch nicht an einem Tag.“
Der bescheidene Mann mit dem Schnauzbart baut konsequent den säkularen Nationalstaat um. Und wenn er tatsächlich den von den Türken lang ersehnten Beitritt zur EU schafft, wird man sich noch lange an ihn erinnern.