Die Familie McCann hat die Medienwelt in einer noch nie dagewesenen Größenordnung für das Auffinden ihrer Tochter Madeleine eingespannt. Bei aller moralischen Berechtigung ruft das Vorgehen jedoch auch erhebliche Gefahren auf den Plan.
Das mysteriöse und bis jetzt unaufgeklärte Verschwinden der nun vierjährigen Madeleine McCann sorgt bis heute für einen riesigen, von ihren Eltern initiierten Medienrummel, der Menschen auf der ganzen Welt mit der betroffenen Familie mitfühlen und an der Suche nach dem Kind teilhaben lässt. Das Mädchen war in der Nacht auf den 3.Mai dieses Jahres spurlos aus ihrem Schlafzimmer der Luxus-Ferienanlage „Ocean Club“ im portugiesischen Praia da Luz verschwunden. Seit diesem Vorfall sind am heutigen Freitag genau fünfzig Tage vergangen.
Mobilisierung der Medien
Die verzweifelten Eltern Gerry und Kate McCann beschlossen, die Medien für das Auffinden ihrer vermissten Tochter zu nutzen. Bereits am Tag der Entführung wandten sie sich mit Hilfe eines britischen Fernsehsenders persönlich an die Täter und baten diese, Madeleine unbeschadet freizulassen.
Von diesem Zeitpunkt an verstand das Ehepaar, die Presse- und Medienwelt in unvergleichlicher Weise zu instrumentalisieren, um so eine breite Öffentlichkeit über das Schicksal ihrer Tochter zu informieren. Zeitungen aus aller Welt druckten tags darauf Fotos des Mädchens auf ihren Titelseiten ab, europaweite Suchaktionen folgten. Das Paar selbst reiste von Land zu Land, um für ihre Sache zu werben und Hinweise für das Auffinden des Kindes zu sammeln.
Das Internet als weltweites Medium
Die Familie Madeleines bezeichnet ihre Anstrengungen zur Aufklärung des Falles bereits selbst als „Kampagne“. Sie sind, innerhalb kürzester Zeit, durch ihr Engagement, selbst zu einem kleinen Medienunternehmen geworden. Um weltweit noch mehr Menschen anzusprechen und rund um die Uhr über den neuesten Stand zu informieren, sorgte Gerry McCann für die Erstellung einer professionellen Internetseite.
Diese verursacht ein riesiges Interesse seitens der Weltöffentlichkeit. Im Mai dieses Jahres, also kurz nach Inbetriebnahme, wurde die Seite bereits 50 Millionen Male aufgerufen. Es entstand ein Netzwerk verschiedenster Organisationen, die sich für den Schutz von Kindern einsetzen.
Luftballons der Hoffnung
Zum 50. Tag des Verschwindens des Mädchens lassen Menschen an verabredeten Orten weltweit Luftballons mit dem Bild Madeleines in die Luft steigen. In Afghanistan werden fünfzig Drachen in den Himmel aufsteigen. Die Mutter hofft so, dass das Gesicht ihrer Tochter „von El Salvador bis Polen“ für jeden sichtbar wird.
Zahlreiche Prominente haben sich ebenfalls in den Fall eingeschaltet. Fußballstars wie David Beckham und Cristiano Ronaldo appellierten an die Menschen weltweit, bei der Suche nach dem Mädchen mitzuhelfen. Berühmte Persönlichkeiten, wie die „Harry Potter“- Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling, spendeten eine Rekordsumme von 2,2 Millionen Euro als Belohnung für Hinweise zur Ergreifung der Täter. Sogar mit Hilfe einer Audienz beim Papst versuchten die McCanns das Medieninteresse konstant an ihrer Seite zu halten.
Mögliche Chancen
Das Instrumentalisieren von Öffentlichkeit und Medien stellt ein kritisches Unterfangen dar. Durch die Mobilisierung und Mithilfe von Millionen von Menschen weltweit können möglicherweise bedeutende Hinweise auf die Täter erbracht werden. Der Druck auf die Entführer könnte so stetig anwachsen, Fehler ihrerseits sind eine mögliche Folge.
Das Verstecken des Mädchens mag für die Täter auf Dauer, durch die ständige Präsenz des Falles in den Köpfen der Menschen, immer schwierigere Ausmaße annehmen. Netzwerke können ausgebaut werden, um an ähnliche Schicksale zu erinnern. Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Gefährdung des Lebens des Mädchens durch die permanente Aufmerksamkeit immer wahrscheinlicher wird.
Falsche Spuren
Die ständige Mobilisierung der Medien hat also vor allem negative Auswirkung auf die Wahrscheinlichkeit der Aufklärung des Falles. Da sich eine riesige Anzahl von Menschen dafür interessiert, einen Beitrag zur Lösung des Rätsels beizusteuern, verfolgt die Polizei weltweit falsche Spuren, die kostbare Zeit kosten. Auch Scharlatane, die lediglich Aufmerksamkeit erregen wollen, werden angelockt und versuchen ihr Glück.
Die Polizeiarbeit wird durch solcherlei wirre Hinweise in ihrer Arbeit eher behindert als unterstützt. Das Ermitteln von Journalisten auf eigene Faust beschreibt ein weiteres Problem. Durch das unerlaubte Durchkämmen eines angeblichen Leichenfundortes zerstörten Presseleute wertvolle Spuren für die Ermittler in dem portugiesischen Ferienort.
Gefahr einer „Hexenjagd“
Auch die Gefahr einer „Hexenjagd“ ist bei der Präsentation möglicher Verdächtiger gegeben. Da die Menschen für das Verschwinden des Mädchens, durch die ständige Berichterstattung, derart sensibilisiert werden, drohen vorschnelle Verurteilungen. In extremen Fällen endet dies in Morddrohungen oder Lynchjustiz gegenüber den Verdächtigen.
Die Risiken eines solchen Medienspektakels sind also mannigfaltig. Natürlich ist der Einsatz aller möglichen Mittel seitens der Familie für jeden verständlich. Die Familie ist auf den Zug des „Big Brother-Phänomens“ aufgesprungen und versucht, die Gier der Medien auf tagtägliche Berichterstattung über Schicksale und Reaktionen von Menschen in extremen Situationen für sich positiv zu nutzen. Auch die Faszination der Zuseher, die zur Mithilfe animiert werden, wissen sie so geschickt zu lenken.
Allerdings dürften sich die Trend-Vorgabe, eine solche Inszenierung zur Auffindung vermisster Person systematisch einzusetzen, eher in Grenzen halten: Denn, auch wenn die Hoffnung zuletzt stirbt, verfügen die meisten Familien in einer solchen Situation in der Regel weder über den nötigen Einfluss, noch über die nötigen Nerven.