Eine Gesellschaft, die offensichtlich unfähig geworden ist, ihre Symbole verständlich und plausibel zu machen, darf sich nicht beleidigt fühlen, wenn einige dieser Symbole Verwirrung schaffen.
Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. (1. Korinther 1, 23-24)
Italien ist kein Land mehr, in dem man erwarten kann, dass Werte und Überzeugungen ohne weiteres verstanden werden, wenn die für sie verantwortlichen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, die Herzen der Menschen zu erreichen.
Formalismus und Rituale verhindern den direkten Kontakt mit den Inhalten. Die Institutionen, die sich nicht öffnen, verlieren an Einfluss.
Für mich spiegelt das Urteil von Strassburg ein wenig diese Situation wieder: aufgrund des Aufeinanderstoßens verschiedener Ansichten gelingt es nicht, eine Lösung in einem offenen und sensiblen Dialog zu finden. Um diese Situation nun endgültig zu beenden hat, man auf die Verkündung eines Urteils vertraut.
Jede Religion, und das Christentum vielleicht mehr als jede andere, muss erzählt und reflektiert werden. Wir sind eine Religion des Wortes, das erklärt und begriffen werden will. Sie sollte nicht auf Symbole reduziert werden, die von Gerichtsurteilen bedroht sind.
Der öffentliche Raum, wie z.B. die Schule, ist auch ein Ort Gottes und der Religion, die hier gelebt werden durch unser Tun und durch die Lehren, die hier verkündet werden. In keinem Fall ist dieser Ort dazu gedacht, Rechthaberei auszuleben.
In meiner persönlichen Geschichte und für meine religiöse Prägung war es nie von Bedeutung, in einem schulischen Umfeld aufgewachsen zu sein, in dem das Kreuz allgegenwärtig war. Es ist für mich immer wichtiger gewesen, authentische und vertrauensvolle Personen getroffen zu haben, die Antworten geben und sich auch mit schwierigen Fragen auseinandersetzen konnten.
Ich kann jedoch auch die Sensibilität und die Verärgerung der Personen verstehen, die einer religiösen Minderheit angehören oder in einem neutralen philosophisch-ideologischen Umfeld leben und die sich vereinnahmt und gefangen fühlen durch die Vorgaben einer Mehrheit, die nie vernünftig erklärt wurden.
Wenn es die europäischen Bürger heute für nötig empfinden, sich an den europäischen Gerichtshof zu wenden, um in ihren Ansichten zu religiösen Fragen Recht und Zuspruch zu erhalten, sehen wir, wie schwach unsere Institutionen geworden sind. Eine Kirche, meine - die lutherische - eingeschlossen, die beklagt, das Verständnis bei den Menschen verloren zu haben, muss sich eigentlich erst einmal über sich selbst beklagen. Darüber, dass es ihr nicht gelungen ist, das Gespräch aufrecht zu erhalten mit dem, der es anders sieht.
Mit Sicherheit sind das Kreuz und das Kruzifix wesentliche Symbole des Christentums, dürfen aber nicht Anlass zu Unterdrückung oder Streit werden.
Sie sollen das sein, was sie sein wollen: eine Einladung, über die Grenzen des Menschen nachzudenken und dabei eine Antwort bei dem zu finden, der am Kreuz gestorben ist - auch für unsere Unfähigkeiten.
Holger Milkau, Dekan der Lutherischen Kirche in Italien
Photohinweis: Das Kruzifix an der Seitenmauer des Kirchenschiffs der Chiesa Cristiana Protestante in Mailand, mit den Farben des Fensters der gegenüberliegenden Seite. Copyright: Pfarrer Ulrich Eckert