Weniger illegale Einwanderung, mehr Gas und Benzin aus Libyen. Das sind die Vorteile, die Silvio Berlusconi den Italienern verspricht, nachdem der Stiefelstaat eine 5-Millionen-Dollar hohe Entschädigung an das Gaddafi-Regime für die während der Kolonialzeit begangenen Verbrechen zahlt. Zudem entschuldigte sich der Ministerpräsident offiziell im Namen des italienischen Volkes für die Grausamkeiten, die zwischen 1911 und 1943 während der Besetzung Libyens begangen worden sind.
Ein entsprechendes Abkommen unterzeichneten am Samstag der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi und der libysche Staatschef Muammar el Gaddafi in Bengasi. Das Geld, umgerechnet 3,4 Millionen Euro, soll innerhalb der nächsten 20 Jahre unter anderem in den Bau einer Autobahn sowie in die Errichtung von 200 bislang nicht näher bestimmten Gebäuden investiert werden. Neben der Entschädigung soll zudem die Zusammenarbeit vor allem auf den Gebieten Wirtschaft und Sicherheit der beiden Staaten intensiviert werden. Neben neuen umfangreichen Mineralöl-Lieferungen ist nun auch der Start gemeinsamer Patrouillen von Booten des Grenzschutzes vor der Küste Libyens zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung nach Italien vorgesehen.
Jährlich gelangen mehrere tausend Flüchtlinge von Libyen aus über Italien Europa. Italienische Politiker hatten immer wieder die Nachlässigkeit der libyschen Grenzkontrollen als eines der Hindernisse für die Bekämpfung der illegalen Zuwanderung genannt. Die gemeinsame Überwachung war bereits 2007 verabredet worden, ist aber bislang nicht umgesetzt worden. Libyen benutzte das Thema ‘illegale Einwanderung‘ teilweise als Druckmittel für die nun verabredeten Entschädigungszahlungen. „Mit diesem Abkommen beenden wir 40 Jahre gegenseitiges Unverständnis. Es bedeutet die vollständige und moralische Anerkennung der von Libyen durch Italien während der Kolonialzeit erlittenen Schäden", erklärte Belusconi. Als Geste des guten Willens führte der Ministerpräsident bei seinem Besuch die spätrömische Statue der Venus aus Circene mit. Italienische Archäologen hatten die Skulptur 1913 in Libyen ausgegraben und anschließend mit nach Italien genommen. Nun kehrt die Venus an ihren Fundort zurück.
„Im Namen des italienischen Volkes fühle ich mich verpflichtet, um Entschuldigung zu bitten und unseren Schmerz zu zeigen für das, was geschehen ist und viele eurer Familien gezeichnet hat" erklärte Berlusconi in Anwesenheit von 300 Familienangehörigen von ehemals depotierten Libyern. Auch dem eigenen Volk machte der Ministerpräsident das Abkommen schmackhaft: „Wir werden mehr Gas und Benzin aus Libyen bekommen und weniger illegale Einwanderung." In einem ersten Schritt sollen italienische Firmen gemeinsam mit Libyen eine 1600 Kilometer lange Autobahn von der ägyptischen bis zur tunesischen Grenze bauen. So profitiert auch die italienische Wirtschaft von dem ‘Vertrag der Freundschaft‘. Bereits jetzt ist Italien der größte Handelspartner Libyens, das bis 2003 einem internationalen Handelsembargo unterlag. Neben den bereits erwähnten Vereinbarungen soll die Zusammenarbeit auch in den Bereichen Militärtechnik, Telekommunikation, Landwirtschaft und Tourismus intensiviert werden.
Italienische Tourismus-Unternehmen hätten bereits Verhandlungen zum Bau von Ferienanlagen an der 2000 Kilometer langen, bislang weitgehend brachliegenden libyschen Küste aufgenommen, hieß es. Zudem versprach Italien Stipendien an junge Libyer zu vergeben, die an italienischen Universitäten studieren wollen. Die Spannungen zwischen Libyen und Italien resultieren aus der fast 50 Jahre andauernden italienischen Besetzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser zeit kamen knapp 100.000 Libyer ums Leben. Gaddafi, der selbst 1969 durch einen blutigen autsch an die Macht kam, erklärte nun: „Dieses historische Abkommen öffnet einer Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Italien die Türen." 1956 hatte die italienische Regierung bereits 4,5 Milliarden Lire für den Wiederaufbau an das seit 1951 unabhängige Land gezahlt. Doch dieser Betrag war für den Diktator nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Sollte die ehrliche Art Italiens, mit der eigenen zumeist blutigen Kolonialzeit offen umzugehen, in Europa Schule machen, könnten sich bald viele dritte Welt-Länder vor allem in Afrika und Asien auf einen Geldsegen freuen. Doch es ist nahezu ausgeschlossen, dass ohne ein wie auch immer geartetes Eigeninteresse die führenden Kolonialmächte des 19. Und 20. Jahrhunderts, allen voran England und Frankreich, für ihre begangenen Verbrechen eine Entschädigung zahlen werden. (cai)