Am heutigen Montag startet in einem Moskauer Militärgericht der Prozeß gegen vier Verdächtige, die an der Ermordung der bekannten russischen Journalistin Anna Politkowskaja beteiligt gewesen sein sollen. Angeklagt sind der russische Polizist Sergej Chadschikurbanow und die tschetschenischen Brüder Dschabrail und Ibrahim Machmudow. Der dritte der Brüder, Rustam Machmudow, der Mörder, steht nicht vor Gericht, da er untergetaucht ist.
Seit Jahren wird der mutmaßliche Mörder wegen anderer Verbrechen per internationalem Haftbefehl gesucht, konnte jedoch bisher nicht gefaßt werden.
Ein früherer Beamter des Inlandsgeheimdienstes FSB ist wegen Amtsmißbrauchs angeklagt. Er soll den Tätern Politkowskajas Adresse übermittelt haben. Doch der Mann ist bei diesem Verfahren nicht dabei, da ihm gerade wegen eines anderen Verbrechens der Prozeß gemacht wird. Der frühere Polizist der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens soll den Mord organisiert haben. Die beiden tschetschenischen Brüder sind wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Da ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter am Prozeß als Angeklagter teilnimmt, könnte womöglich die Öffentlichkeit vom Prozeß ausgeschlossen werden. Diese Frage soll heute, am ersten Prozeßtag, geklärt werden.
Vor zwei Jahren, am 7. Oktober 2006, war die russische Journalistin und Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja im Aufzug ihres Wohnblocks in Moskau mit vier Pistolenschüssen ermordet worden. Der Mörder, der von einer Überwachungskamera gefilmt wurde, wurde als schlanker, dunkelhaariger junger Mann beschrieben. Da er eine Schirmmütze getragen hatte, war sein Gesicht kaum zu erkennen gewesen. Nach Mafia-Art hatte der Mörder die Mordwaffe, eine Makarow, neben sein Opfer gelegt.
Die Familie der Journalsitin hat bereits vehement gegen einen Geheimprozeß protestiert. Es wird vermutet, dass die Regierung nicht an der Aufdeckung der Hintergründe des Mordes interessiert ist. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Auftraggeber der "Hinrichtung" aus den höchsten Kreisen des Kremls unter Vladimir Putin stammen.
Es gab immer wieder Hinweise aus Kreml-Kreisen auf den im Londoner Exil lebenden Oligarchen Boris Beresowski. Manche Beobachter vermuten die Hintermänner direkt im Kreml oder in Tschetschenien. Die Journalistin hatte immer wieder das Vorgehen russischer Militärs in den Tschetschenienkriegen schonungslos kritisiert. Sie hatte Folter, Verschleppungen und andere Menschenrechtsverletzungen auf russischer und tschetschenischer Seite angeprangert.
Der Journalist der "Nowaja Gaseta", Sergej Sokolow, erklärte: "Der Fall ist damit noch nicht aufgeklärt, nur ein Teil. Die Anklageschriften betreffen nur drei Personen. Der eigentliche Mörder sitzt noch nicht auf der Anklagebank, sowohl der Auftraggeber als auch die Vermittler fehlen". In der "Nowaja Gaseta" hatte auch Politkowskaja gearbeitet.
Bei der Prozeßanhörung vor vier Wochen konnte eine Anwältin von Politkowskajas Familie, Karina Moskalenko, aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. In ihrem Auto wurde Quecksilber gefunden. Doch der Verdacht auf einen Anschlag erhärtete sich nicht, nachdem der Vorbesitzer sich meldete und sagte, ihm sei ein Thermometer im Auto kaputt gegangen war.
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Sowohl die Familie der Journalistin, als auch die Mitarbeiter der "Nowaja Gaseta" mit deren Miteigentümer Michail Gorbatschow hatten einen öffentlichen Prozeß gefordert. Die endgültige Entscheidung darüber wird heute fallen. (lkl)