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24.01.2007Martti Ahtisaari und das Kosovo: Serbien spielt auf Zeit

Ein Staat, zum Scheitern geboren

Mit dem vorliegenden Kosovo-Plan scheint der Weg für einen Eintritt des Kosovo in die Staatengemeinschaft vorgezeichnet. Faktisch jedoch wurde ein vom Westen bewachter Burgfrieden besiegelt: Von Aussöhnung kann keine Rede sein.

Man musste sich nur die Mienen in den beiden Hauptstädten am vergangenen Freitag ansehen, dann war klar, wer seine Zielsetzungen im Kosovo-Plan des UN-Bevollmächtigten Martti Ahtisaari wieder fand. Düsteres Schweigen hier, feixendes Grinsen da: Während Belgrad dem Verlust eines historischen Kernbestandteils der eigenen Identität entgegentrauert, freut sich Pristina bereits auf das erste Hissen der eigenen Fahne. Bei allen ausgiebig formulierten Garantien für die serbische Minderheit ist damit klar: Das Kosovo nähert sich unausweichlich seiner Unabhängigkeit. 

 

No Man’s Land 

Es ist allerdings ein seltsames Gebilde, das da der Staatswerdung entgegenstolpert. Mitrovica, die zweitgrößte Stadt der ehemaligen serbischen Provinz, ist ethnisch gleichmäßig in Serben und Kosovaren gespalten. Wer vom einen Stadtteil in den anderen will, benutzt lieber die weiträumige Umgehungsstrasse. So muss man zwar eine gute Dreiviertelstunde mehr einplanen, andererseits kann man sich dafür sicher sein, nicht in den Genuss einer Maschinengewehrsalve zu geraten.

Der Hass sitzt so tief, dass auch internationale Hilfsorganisationen sich nicht trauen, diese unsichtbare Grenze zu passieren. Und dies, obwohl sie oft Brotvorräte und ähnlich Willkommenes aus der einen Zone in die andere transportieren. Denn der Bäcker arbeitet ja wie vor dem Krieg, nur im anderen Stadtteil. Auch essen tut man seine Erzeignisse weiterhin gern. Nur direkt bei ihm holen geht eben nicht – das könnte als Verrat gelten. 

Pulverfass mit Sicherung 

Im Osten des Kosovo halten sich derweil Jahrhunderte alte Klöster, heilige Stätten der serbischen Orthodoxie. Und obwohl sie im Kosovo-Plan als strikt schützenswert festgehalten werden, bewahrt sie im Moment nur die Anwesenheit der 16.000 Soldaten zählenden NATO-Truppe vor der Brandschätzung und Plünderung - wie bereits im Frühjahr 2004 geschehen. Die serbische Präsenz ist den Hardlinern unter den Kosovaren ein Dorn im Auge, und keiner kann sagen, wie sich die Bildung einer einheitlichen kosovarischen Armee auf die Sicherheit der Serben im Norden des Landes auswirkt.  

Es wundert daher wenig, dass sich die dort angesiedelten Serben mitnichten mit dem neuen Staat anfreunden. Die Strassen von Einheimischen unbefahrbar, der Gang in die ethnisch verbotene Zone lebensgefährlich, der Besuch des einstigen Besitzes Tabu: Der hier heraufdämmernde neueste UNO-Mitgliedsstaat entstammt nicht gerade den Idealvorstellungen von Tocqueville oder Montesquieu, aber auch nicht jenen eines jeden Ökonomen. Solange die Macht des Stärkeren überall unangefochten gilt sowie Drogen- und Waffenschmuggel die einzigen prosperierenden Wirtschaftszweige bleiben, ist das Kosovo ein Pulverfass, dessen Lunte von den Finanzspritzen und Sicherheitsgarantien der westlichen Welt nass gehalten wird.

Belgrad und Tirana schielen weiter 

Sollte sich der Westen jedoch wegdrehen, etwa weil er des ständigen Mittelabflusses überdrüssig wird, sind die Voraussetzungen für ein Ende des neuen Staates im Nu wieder geschaffen. Nichts spricht dagegen, dass die Kosovo-Albaner das aktuell im Plan festgeschriebene Vereinigungsverbot nur als Etappensieg hin zum letztlich doch angestrebten Großalbanien sehen. Auch die im Norden konzentrierte serbische Minderheit sieht wohl auf Dauer nur die Wiedervereinigung mit dem Mutterland als wahres Wunschziel. 

Die Nationalisten in Belgrad schielen daher weiter in mystisch-mythischer Verklärung auf die Klöster im Kosovo. Auch sie haben Zeit. Die jüngsten Wahlen haben sie just als stärkste Kraft im Lande bestätigt. Und die zu erwartende Phase in der Opposition wird ihre Kräfte schonen. Denn sobald die NATO abzieht, sind sie wieder gefragt. Als Garanten eines Sturms auf das Kosovo. 

sondermann@europolitan.de

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