Der Gang zu den Urnen in Russland steht kurz bevor. Am kommenden Sonntag sind knapp 110 Millionen russische Bürger dazu aufgerufen, den Nachfolger von Wladimir Putin zu wählen. Der neue Präsident steht dabei allerdings schon heute so gut wie fest. Er heißt Dmitri Medwedew und ist der amtierende Vize-Premier im Kreml.
In einer kurzen Fernsehansprache rief Putin die Russen kürzlich zu reger Wahlbeteiligung auf. Der künftige Präsident brauche die Legitimation durch das Volk. Es wird befürchtet, dass viele Wahlberechtigte aus politischer Langeweile den Wahlurnen fernbleiben oder die Wahl bewusst boykottieren, da der Wahlsieger schon so gut wie feststeht.
Während kremltreue Medien in schillernden Farben von Medwedew berichten, sind in der nicht staatlich kontrollierten Blogger-Szene im Internet ganz andere Töne zu lesen.
„Dieser Medwedew ist eine merkwürdige Person, ein unbeschriebenes Blatt", wird der Blog von Jugwa in der Netzzeitung zitiert. „Ich denke, er wird Russland an Amerika und den Westen verkaufen - und da feiern alle öffentlich sein Erscheinen?"
Auch der Wahlkampf, der eigentlich keiner ist, wird im Web öffentlich kommentiert. Blogger lekka_rekka schreibt beispielsweise von der Begegnung mit einer alten Frau auf der Straße: „Haben sie Medwedew schon zum Präsidenten ernannt oder dürfen wir noch rausgehen und unsere Stimme abgeben?" fragt sich demnach die Dame.
Dabei versucht Medwedew im Vorfeld der Wahlen ähnlich wie Putin als besonders bürgernah zu erscheinen. Bei Bürgerbüros im ganzen Land kann dieser Tage jeder Russe mit seinem Anliegen an Medwedew - wenn auch nicht persönlich - herantreten. Die dort geschilderten Probleme seien immer wieder ähnlich. Es gehe um Renten, Arbeitserlaubnis oder Wohnungsprobleme, erklärt Aleksandr Saizew von der Moskauer Filiale der Bürgerbüros gegenüber dem ZDF.
Und die Nachfrage nach Problemlösungen ist hoch: „Wir haben in jedem der 84 Verwaltungsgebiete der Russischen Föderation eine Bürgersprechstunde im Namen von Medwedew eingerichtet und in den vergangenen drei Wochen sind dort über die kostenlose Hotline rund 50.000 Anfragen eingegangen", so Saizew.
Nicht nur bei diesen Maßnahmen der Bürgerannäherung findet sich Medwedew also ganz in seiner Rolle als Zögling Putins wieder. Die derzeit obersten Männer im Kreml verbindet eine lange Freundschaft. 1994 machte Putin Medwedew als Doktor für Rechtswissenschaften zu seinem Berater und förderte ihn auf seinem weiteren Weg. „Wir liegen eben auf einer Wellenlänge", hatte der Kreml-Chef einmal erklärt. Ein weiterer Aspekt, der Medwedews Nicht-Wahl mehr als unwahrscheinlich erscheinen lässt, ist sein Status als Wunschkandidat Putins. Zudem will Putin nach einer Wahl Medwedews weiter als Premierminister Einfluss auf die Geschicke des Landes nehmen. Ob das gut gehen kann?
Immerhin, der als eher liberal geltende Medwedew lässt einen Kurswechsel anklingen. Bei einem Wahlkampfauftritt im sibirischen Krasnojarsk versprach der Vizechef erst kürzlich die Förderung unabhängiger Medien und ein Justizwesen ohne Willkür, menschlichere Verhältnisse in Gefängnissen sowie eine Stiftung zur Wiedergutmachung zahlloser Unrechtsurteile. Keine Frage, das klingt gut. Ob er diese Versprechungen halten wird, zweifeln viele Experten allerdings an.
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Ende Januar hatte Wladimir Milow, früherer Vize-Energieminister, laut n-tv.de erklärt, wie Putin sei Medwedew ein von den Geheimdiensten beherrschtes Kremlprodukt. „Jede Euphorie über einen Liberalismus Medwedews ist daher fehl am Platz". (ta)