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24.10.2007Fall Marco W.

Die Fronten verhärten sich - das Unheil naht

Der Fall Marco W. spaltet die Gemüter. War Charlotte das wehrlose Opfer eines sexgeilen Jugendlichen - oder handelt es sich lediglich um einen harmlosen Urlaubsflirt, den das Mädchen nun als sexuellen Missbrauch darstellt? Stimmen...

Der Fall Marco W. spaltet die Gemüter. War Charlotte das wehrlose Opfer eines sexgeilen Jugendlichen - oder handelt es sich lediglich um einen harmlosen Urlaubsflirt, den das Mädchen nun als sexuellen Missbrauch darstellt?

Stimmen die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs tatsächlich, dann durchlebt das 13-jährige Mädchen nun wahrlich die Hölle und steht seit dem besagten Abend vor sechs Monaten unter schwerem psychischen Druck. Nicht nur der sexuelle Missbrauch, auch die kritischen Reaktionen der Medien und der Umgebung dürften ihr schwer zu schaffen machen.

Denn viele Beobachter des Falls, sind fest davon überzeugt, dass Charlotte die Tatsachen verdreht - möglicherweise um vor den Eltern zu entschuldigen, wieso sie im zarten Alter von 13 Jahren mit einem Jungen im Bett lag.

Handelt es sich bei dem angeblichen sexuellen Missbrauch tatsächlich um eine Falschaussage, dann hätte Charlotte eine schwere Bürde zu tragen. Denn seit der Anklage wegen Vergewaltigung durchlebt der Jugendliche die Hölle auf Erden. In einem Großraumgefängnis schmachtet er im türkischen Antalya zusammen mit 30 weiteren Ausländern in einer Zelle.

Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Zudem ist der 17-Jährige von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Nur einmal die Woche darf Marco W. seine Eltern für 10 Minuten sehen. Doch nur durch eine Glaswand und mittels eines Telefons.

Während der Inhaftierung ist der Jugendliche stark abgemagert, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Marco W. beteuert nach wie vor vehement seine Unschuld. Es sei lediglich zum Austausch von Zärtlichkeiten gekommen. Er habe sich an ihr gerieben und sei dabei zum Höhepunkt gekommen. Eigentlich hätten die beiden jedoch miteinander schlafen wollen. Ihr echtes Alter habe Charlotte ihm verschwiegen.

Tatsächlich ist es nach Aussage des untersuchenden Arztes Levent Hakim nicht zu einer Vergewaltigung gekommen. Der Arzt untersuchte das Mädchen in der fraglichen Nacht. Charlotte ist offenbar immer noch Jungfrau. Doch auch Charlotte sprach in ersten Vernehmungen nicht von einer Vergewaltigung. Sie beteuert aber, dass Marko sich, während sie geschlafen habe, gegen ihren Willen an ihr gerieben habe. Die Tatsache, dass an der Vagina des Mädchens Samenspuren gefunden wurden, passt somit in jede Aussage. Damit steht der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs weiter im Raum.

Ein Ende der Verhandlungen ist vorerst ohnehin nicht in Sicht. Angesichts von Charlottes hartnäckigem Schweigen musste der Prozess schon mehrmals vertragt werden. Für den kommenden Freitag liegt nun endlich eine Videobotschaft der 13-Jährigen vor. Weil das Mädchen und seine Mutter nicht vor dem Gericht erscheinen wollten, hatten sie britische Beamte bereits Anfang Oktober in Großbritannien vernommen und die Aussagen aufgezeichnet.

Doch trotz einer erneuten Verhandlungsrunde wird der 17-Jährige wohl noch längere Zeit im türkischen Gefängnis ausharren müssen. Denn solange keine Seite bereit ist, die andere ernsthaft anzuhören, ist eine Verständigung, die zu einer möglichen Aufklärung des Falls führen könnte, nicht in Sicht.

Die Sendung „Menschen bei Maischberger“, in der neben dem Vater des angeklagten Jungen, sein Rechtsanwalt und der Anwalt der Familie der 13-jährigen Engländerin Charlotte teilnahmen, gab einen Einblick in die verhärteten Fronten. Auf  beiden Seiten kochten die Emotionen hoch – jeder sieht sich im Recht

Der türkische Anwalt Ömer Aycan fordert die Höchststrafe für den 17-Jährigen. Er habe „ganz konkrete Beweise“ für eine Vergewaltigung und berief sich dabei auf ein ärztliches Gutachten. Marco W. würden dann wegen Vergewaltigung bis zu 15 Jahre Haft drohen.

Marcos Anwalt, Michael Nagel, sieht hingegen in dem Gutachten des Arztes Levent Hakim eine eindeutige Entlastung. Nagel bemängelte zutiefst, dass die 13-Jährige bislang ihre Vorwürfe nicht im Gericht vortrug. Nach deutschem Recht sei es ausgeschlossen, dass jemand wegen Vergewaltigung verurteilt werde, ohne dass das Opfer seine Aussage vor Gericht wiederholt.

Der Anwalt äußerte zudem die Befürchtung, dass Charlottes Aussage innerhalb der letzten Monate stark von ihrer Mutter beeinflusst wurde. Sollte Marco tatsächlich wegen Vergewaltigung verurteilt werden, will Nagel bis zum Europäischen Gerichtshof klagen.

Klare Aussagen also. Keiner der Anwälte scheint dem anderen überhaupt zuzuhören. Nach Auffassung des türkischen Strafrechtsprofessors Bahri Öztürk liegt darin genau das Problem. Denn wenn beide Familien miteinander reden würden, könnte man Marco aus der U-Haft befreien, und wäre auch Charlotte nicht mehr dem Vorwurf ausgesetzt, sie zögere absichtlich den Prozess hinaus, damit Marco möglichst lange im Gefängnis bleibt.

Dann könnte der Prozess wenigstens so rasch wie möglich zu Ende gebracht werden. Denn dass ein minderjähriger Jugendlicher monatelang unter widrigsten Umständen völlig alleine in einem fremden Land ausharren muss, das hat er nicht verdient – ‚Missbrauch’ hin oder her. (ld)

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