Der Aufsichtsrat des Automobilzulieferers Continental kommt am heutigen Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammen. Im Mittelpunkt der Beratungen steht die geplante Übernahme des Reifenherstellers durch die Schaeffler-Gruppe. Einem Bericht der Financial Times Deutschland nach wird Conti-Chef Manfred Wennemer mehrere Punkte präsentieren, wie der Konzern die Übernahme abwehren kann. Wennemers Ass im Ärmel sind mehrere Gutachten, die belegen sollen, dass die gebotenen 70 Euro pro Aktie zu wenig sind.
Zwischen Konzernchef Wennemer und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hubertus von Grünberg bestehen hinsichtlich des weiteren Vorgehens jedoch noch einige Differenzen. Grünberg hatte Aufsichtsratskreisen zufolge in krassem Gegensatz zu Wennemer Sympathie für die Übernahmepläne des fränkischen Familienunternehmens gezeigt. In einem Gespräch mit dem Manager Magazin warnte der Aufsichtsratschef vor einem „Kampf um jeden Preis“. „Wenn die Übernahme wahrscheinlich ist, dann bevorzuge ich, dass wir keine verbrannte Erde hinterlassen“, fügte Grünberg hinzu, der ausgerechnet Schaeffler jahrelang beraten hat.
Wennemer bläst nicht nur durch Grünberg Gegenwind entgegen sondern auch durch den Conti-Betriebsrat. Zwar wollen die Arbeitnehmervertreter eine Zerschlagung des Automobilzulieferers vermeiden, sind einer Übernahme durch Schaeffler allerdings nicht prinzipiell abgeneigt. „Wir haben nichts gegen deutsche Investoren einzuwenden, solange sie die Grundsätze der deutschen Marktwirtschaft einhalten“, schrieb Betriebsrats-Chefin Bärbel Bruns am gestrigen Dienstag in einem offenen Brief an die Schaeffler-Gruppe.
Noch am gestrigen Abend konnte Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger die Bedenken der Conti-Mitarbeiter ausräumen: „Zur Verlagerung oder einem Abbau von Arbeitsplätzen wird es in Folge des Angebots nicht kommen.“ Conti solle als eigenständiges, börsenorientiertes Unternehmen mit Sitz in Hannover fortbestehen, fügte Geißinger hinzu.
Sollte es tatsächlich zur Übernahme von Continental durch Schaeffler kommen, dann entstünde der drittgrößte Automobilzulieferer weltweit, berechnete die Automobilwoche. Zusammen würden Conti und Schaeffler mehr als 33 Milliarden US-Dollar umsetzen. Größer wären dann nur noch Bosch mit einem Umsatz von über 38 Milliarden und der japanische Ausrüster Denso mit knapp 36 Milliarden Dollar Jahresumsatz.
Schaeffler würde dabei nur rund 8 Milliarden Umsatz in die Ehe mit Conti bringen und damit eine Fusion mit einem wesentlich größeren Partner eingehen. Dieses Vorgehen ist jedoch typisch für das Familienunternehmen aus Herzogenaurach. In der mittelfränkischen Stadt scheint es einen wahren Unternehmergeist zu geben: auch die Weltkonzerne Adidas und Puma haben in der 22.000-Einwohner-Gemeinde ihren Stammsitz.
Ehrenbürgerin von Herzogenaurach ist folgerichtig auch die Chefin der Gruppe Maria Elisabeth Schaeffler. „Er weiß sich durchzusetzen wie sein Frauchen“, erzählt die Gesellschafterin und Chefin des Wälzlagerkonzerns gerne über ihren Yorkshire-Terrier Amadeus. Der Name kommt nicht von ungefähr, Schaeffler, 1941 als Maria Elisabeth Kurssa in Prag geboren, liebt die Oper. Als die resolute Kugellager-Lady im Herbst 2001 einem Husarenstück gleich den börsennotierten Konzern FAG Kugelfischer übernehmen will, tauft sie die Aktion kurzerhand „Operation Mozart“.
FAG lehnt Schaefflers Offerte ab, doch die Witwe des Firmengründers Georg Schaeffler lässt sich von so einer Kleinigkeit nicht mehr aufhalten. „Figaro“, wie die heute 67-jährige Managerin FAG in ihren Plänen bezeichnet, muss schließlich kapitulieren. Es ist eine Sensation: Eine eher unbekannte Kommanditgesellschaft in Familienhand zwingt eine weit größere Aktiengesellschaft in die Knie.
Auch diesmal scheint Schaeffler, ebenso machthungrig wie elegant, besonders klug vorgegangen zu sein. Das Vorgehen ist für Laien und selbst für Experten nicht ganz einfach zu durchschauen. Vereinfacht lässt sich behaupten, dass sich Schaeffler still und leise an Conti herangeschlichen hat. Der Fachausdruck für Schaefflers Vorgehen lautet „Cash-Settled-Equity-Swap“.
Die Franken tun erst mal so, als würden sie bereits 28 Prozent an Conti halten - ohne die Aktien zu besitzen. Dann wird mit einigen Banken ein Ausgangspreis festgelegt. Falls das Papier in der Folge steigt, erhält Schaeffler die Differenz. Fällt die Aktie, muss Schaeffler die Differenz an die beteiligten Kreditinstitute zahlen. Die involvierten Häuser sichern ihrerseits das Risiko ab, indem sie selbst Continental-Aktien erwerben. Dabei bleiben die Banken jedoch unter der meldepflichtigen Schwelle von drei Prozent.
Für die Dienstleistung an sich erhalten die Finanzhäuser vom Auftraggeber eine Gebühr. Läuft das Swap-Geschäft aus, oder wird es gekündigt, können die Banken ihre Anteile auf den Markt werfen. Für diesen Fall wäre dann rein zufällig Schaeffler zur Stelle und könnte die Papiere zu einem de facto vorab festgelegten Preis erwerben. Schaeffler soll mit diesem Trick bereits jetzt Zugriff auf 36 Prozent der Conti-Aktien haben.
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Ob sich Wennemer letztlich gegen interne Widerstände behaupten kann, oder sich am Ende doch wieder Maria Elisabeth Schaeffler mit ihrem knallharten Vorgehen durchsetzt, bleibt abzuwarten. Möglicherweise kann Wennemer den Preis je Aktie auf 80 oder gar 100 Euro hochtreiben. Sollte Schaeffler diesen Preis am Ende tatsächlich zahlen, würden wohl die allermeisten Conti-Aktionäre einknicken. Und Schaeffler könnte einen weiteren Namen aus Mozarts Opern auf ihre Liste setzten.