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05.11.2008UNDENKBARES WIRD WAHR

Commerzbank holt sich Stütze vom Staat – und wird dafür gelobt

Der Vorgang ist im höchsten Grade außergewöhnlich: Deutschlands drittgrößte Privatbank, die Commerzbank, sichert sich acht Milliarden in Bar und 15 Milliarden in Kreditgarantien vom Staat – und erntet dafür einhelligen Beifall bei Politik und Medien. Zwei Wochen zuvor hatte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann einen solchen Schritt noch als Grund, sich „zu schämen“, gebrandmarkt. Nun sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem erfreulichen Zeichen der Verantwortlichkeit. Was ist passiert?

Das Bild könnte surrealer nicht sein. Commerzbank-Chef Martin Blessing schreitet freudigen Schrittes nach Canossa und greift als erster Privatbankier mit vollen Händen in die Schatzschatulle des Bundes - und die Börse gratuliert ihm dazu mit einem Kursanstieg von über vier Prozent. Dabei erreichte das Papier des Geldinstituts Tageshöchstwerte von über zwölf Prozent, die man nicht anders als spektakulär bezeichnen kann. Ein Schritt, der noch vor wenigen Monaten als Offenbarungseid und Eingeständnis des Scheiterns gedeutet worden wäre, gilt nun als beneidenswertes Zeichen von Eigenständigkeit und Souveränität.

Der Crash als Normalzustand

Keine Episode zeigt deutlicher, wie sehr die Welt der Finanzen, mit ihren Spekulationsblasen und Korrektur-Crashs, aus den Fugen geraten ist. Die Weltwirtschaft, so scheint es, hat nach Jahren der Finanz-Bonanza vor dem Abgrund noch einmal kehrt gemacht. Im Augenblick ringt die Bundesregierung gemeinsam mit ihren Pendants in London, Paris und Washington darum, einen der entscheidenden Mechanismen der modernen Marktwirtschaft wieder in Gang zu bekommen: den Interbankenmarkt.

Gemeint ist damit der für eine Volkswirtschaft lebensnotwendige Kapitalstrom zwischen den Geldinstituten selbst. Der ist im Zuge der Weltfinanzkrise fast vollständig zum Erlahmen gekommen. Keine der großen Renommeebanken traut einer anderen gegenwärtig mehr über den Weg - zu groß ist der Vertrauensverlust, der durch den zügellosen Umlauf von vornehmlich aus den USA stammenden, fragwürdigen Hypothekenanleihen entstanden ist.

Leihst Du mir nichts, leih ich Dir nichts

Die Beträge, um die es bei der so genannten Subprime-Krise geht, sind dabei von solch schwindelerregendem Ausmaß, dass die Banken sich gegenseitig nicht nur keine Hypothekenanleihen mehr abkaufen - ein an und für sich noch verkraftbares Problem. Vielmehr wissen sie schon seit geraumer Zeit voneinander, dass so einige unter ihnen am Rande der Illiquidität, sprich der Zahlungsunfähigkeit stehen. Und an Schuldner, die dem blanken Bankrott ins Auge blicken, leiht man nichts - so lautet zumindest die alte Überlebensmaxime eines jeden Bankiers.

Diesmal ging der Vorsichtsgrundsatz allerdings nach hinten los - durch den Selbstschutzinstinkt entstand ein Teufelskreis, der das Wesen der Kreditwirtschaft selbst existenziell in Frage gestellt hat. Plötzlich waren alle bemüht, ihre Schäfchen ins Trockene zu holen, um ihre eigenen Verbindlichkeiten tilgen zu können. Das Ergebnis: Kurzfristige Darlehen waren kaum mehr zu bekommen. Wer also kurzfristig Geld geliehen hatte, um es langfristig an jemand anderes, zum Bespiel an schwer verschuldete Staaten, weiter zu verleihen, bekam plötzlich ein riesiges Problem.

Gefährliche Geschäfte

Opfer dieser Entwicklung ist hierzulande vor allem die Hypo Real Estate (HRE). Mittels ihrer Tochtergesellschaft Depfa Bank plc in Dublin, die als Kerngeschäft seit jeher in den jetzigen Problembereichen Immobilien- und Staatsfinanzierung aktiv ist, entstand bei der HRE plötzlich ein Refinanzierungsbedarf in zweistelliger Milliardenhöhe, den niemand mehr decken wollte - und konnte. Eine Situation, die im Eiltempo Vater Staat auf den Plan rief, und die HRE-Chefs Kopf und Kragen kostete.

Nun existiert in Deutschland nicht nur ein einziger mit dem Problemgebiet Immobilien- und Staatsfinanzierung betrauter Akteur. Als einstiges Kronjuwel gibt es da noch die mittlerweile zum Commerzbank-Imperium gehörige Eurohypo, die mit ganz ähnlichen Produkten wie die Depfa Bank plc in den vergangenen Jahren überaus stattliche Gewinne erzielte. Vor allem dort scheint sich so einiges an Ungemach zusammengebraut zu haben - wenn auch nicht in dem katastrophalen Ausmaß wie bei der HRE.

Geschicktes Timing                                                                               

Der Zeitpunkt hätte dabei für die Commerzbank nicht bedrohlicher sein können. Das Geldhaus steht kurz vor der Übernahme der traditionell rivalisierenden Dresdner Bank - womit es sich mittelfristig zu dem ehrgeizigen Unterfangen aufschwingt, der Deutschen Bank als Platzhirsch Paroli zu bieten. Nichts wäre unpassender gewesen, als sich den Rettungsgesuchen des Münchener Rivalen in Schimpf und Schande anschließen zu müssen.

Das an moderate Bedingungen geknüpfte Rettungspaket des Bundes kam da gerade recht. Der Aktienkurs der Commerzbank war seit Jahresbeginn um mehr als drei Viertel eingebrochen, und bei einer Börsenkapitalisierung von gerade mal etwas über sechs Milliarden Euro war eine Neuemission am Markt ein Ding der Unmöglichkeit.

Richtig gezockt

Geschickt hat der Commerzbank-Chef den richtigen Zeitpunkt abgewartet, und sich dann mit einem gewissen Mut aus dem Fenster gelehnt. Darauf hätte auch eine kalte Dusche folgen können. Mittlerweile überwiegen jedoch am Aktienmarkt und in Regierungskreisen offenbar die Sorge um das rapide abkühlende Konjunkturklima, als dass man an dem ehrgeizigen jungen Bankchefeinen Präzedenzfall statuieren will. Noch dazu ist die Commerzbank für den Mittelstand in Deutschland der Geldgeber par excellence - genau der Bereich, in dem die Regierung partout nicht will, dass der Geldhahn zugedreht, und Arbeitsplätze gefährdet werden.

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Josef Ackermann hat seinem Rivalen-in-spe also mit seinen Ankündigungen, das staatliche Geld nicht annehmen zu wollen, letztlich einen Dienst erwiesen. Die Regierung befand sich mittlerweile in großer Sorge, dass niemand sich an ihr großzügiges Paket traut, bevor es für Konjunktur und Interbankenmarkt zu spät ist. Blessing hat die Politik noch gut eine Woche zappeln lassen - und dann beherzt zugegriffen. Die beiden Monatsgehälter, die ihm Ende dieses Jahres einbehalten werden, wird der aus betuchtem Hause stammende Bankierssohn verkraften können. Vor allem, wenn man sich das Schicksal der geschassten HRE-Vorstände vor Augen führt.

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