Die Rechnung von Medienzar Berlusconi scheint aufzugehen: Angeheizt von seinem Drängen, noch eine 'italienische Lösung' für Alitalia zu finden, ist den Gewerkschaften der Kamm angeschwollen. Sie stellten uneinlösbare Forderungen an Air-France-CEO Jean Cyril Spinetta, und brachten die schon sicher geglaubte Übernahme zu Fall. Die geschäftsführende Regierung Prodi muss nun kurz vor der Wahl bei Spinetta um eine Rückkehr an den Verhandlungstisch betteln, und die Schmährufe der Opposition erdulden.
Es schien, als sei der Vorhang gefallen im Ausverkauf der italienischen Airline an Air-France-KLM - und doch ist in Italien nichts, wie es scheint. Jedenfalls sind verschiedene Minister der Regierung Prodi in diesen Stunden fieberhaft darum bemüht, noch einmal zwischen der franko-holländischen Airline und den acht Alitalia-Gewerkschaften zu vermitteln, um noch allerletzte Spielräume für eine Einigung auszuloten. Auch der Druck der Gewerkschaften geht in diese Richtung: "Wir haben einen Vorschlag gemacht, und kein Ultimatum gestellt. Wir erwarten, dass sich Air-France-KLM einer Verhandlung stellt", gibt sich Gewerkschaftssprecher Claudio Claudiani empört. Ob dies allerdings der richtige Ton ist, um in eine Verkaufsverhandlung einzusteigen, sei dahingestellt.
Nicht von ungefähr ist auch das vorgestrige Debakel auf die stets fordernde Haltung der Gewerkschaften zurückzuführen: Air-France-CEO Spinetta packte kurzerhand seine Koffer, um mittels Alitalia-Linienflug AZ 332 Italien definitiv den Rücken zuzukehren. Die in der italienischen Airline seit jeher dominierenden 'Arbeiterverterter' hatten kurzerhand von den Franzosen eine Aufstockung ihrer Investitionsbereitschaft in Höhe einer Milliarde Euro gefordert, und zusätzliche ähnlich utopische Ideen formuliert. So forderten sie eine anhaltende Arbeitsplatzgarantie für die an Personal nur so überbordende Fluglinie sowie den Erhalt der permanent defizitären Cargo-Sparte. Kein Wunder also, dass Spinetta düpiert den Nachhauseweg antrat - "mit großem Bedauern", wie der Pariser Topmanager erklärte.
Nun jedoch geht in Italien das politische Hauen und Stechen erst richtig los. "Ich habe ein Appell an den Stolz der Unternehmer Italiens gerichtet mit dem Ziel, dass Alitalia italienisch bleibt, und ich denke, dass es das Beste ist, auf diesem Weg fortzufahren", bestätigte Silvio Berlusconi seine Haltung im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung am heutigen Freitag in der Nähe von Vicenza. "Wenn die Demokratische Partei die Wahlen gewinnt, dann wird Italien von den Franzosen kolonisiert", fügte der 71-Jährige in der ihm typischen Art hinzu. Ganz anderer Meinung ist naturgemäß der amtierende Staatssekretär im Premierministeramt, Enrico Letta: "Wir sollten von der Idee ausgehen, dass es eine zu wichtige Chance ist, unsere nationale Fluggesellschaft in einen weltweit führenden Koloss zu integrieren, um sie zu vertun. Die Alternative ist sehr negativ: für die Arbeitnehmer, für die Reisenden, sowie für das gesamte Land".
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Um Schuldzuweisungen geht es vor allem dem Chef der CISL-Gewerkschaft, Raffaele Bonanni, als indirekte Antwort auf die Meinung Prodis, die Arbeitnehmervertreter hätten einen "schweren Fehler" begangen: "Wir standen dank sei der Regierung nackt vor Air France da. Wir konnten den Vorschlag der Franzosen nur annehmen oder ablehnen". Dem stimmt auch Altkommunistenführer Fausto Bertinotti bei: "Ich verstehe nicht, wie man der Meinung sein kann, die Schuld liege bei den Gewerkschaften, und nicht bei Air France. Mehr Respekt ist angebracht." (mso)