Einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge haben für viele Deutsche in der Wirtschaftskrise materielle Werte wie Einkommen, Wohlstand und Sicherheit an Bedeutung hinzugewonnen. Als Reaktion auf die Krise ziehen sich viele Menschen in ihr Privatleben zurück, der Stellenwert von sozialen Beziehungen mit Familie und Freunden hat sich erhöht. Die richtige Reaktion auf die Krise sehen die Menschen in einem stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im Vergleich zum Vorjahresquartal um 7,1 Prozent abgesackt - die Wirtschaftskrise hat Deutschland noch immer im Griff. Dies bleibt nicht ohne Folgen. Laut der neuesten demoskopischen Befragung der Bertelsmann Stiftung hat die Wirtschaftskrise Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen.
Grundsätzlich lässt sich ein Rückzug ins Private erkennen. Dies ist "ein ganz normaler psychologischer Reflex auf die Krise", wie Norbert Osterwinter, Kommunikationsmanager der Bertelsmann Stiftung, im Gespräch mit 'Europolitan' betont. "Gefährlich wird ein solcher Rückzug erst, wenn er auch einen Rückzug aus der Zivilgesellschaft bedeutet", stellt Osterwinter klar.
So sind für 20 Prozent der 1.300 Befragten stabile persönliche Beziehungen und Freundschaften wichtiger als vor der Krise. Die eigene Ehe oder Partnerschaft ist für 15 Prozent nun von größerer Bedeutung. "Die Krise ist eben auch eine Vertrauenskrise - man traut in erster Linie nur noch den Leuten, die man kennt - dem Partner, der Familie", erläutert Osterwinter. Außerdem gibt fast jeder Vierte an, dass die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf sein persönliches Denken und die Frage nach seinem Lebenssinn hat - eine beachtliche Minderheit.
Doch auch die Bedeutung materieller Werte hat zugenommen. Mehr als ein Drittel der Befragten (35 Prozent) geben an, dass für sie aufgrund der Krise Fragen hinsichtlich Einkommen, Sicherheit und Wohlstand wichtiger geworden sind. Dies gilt vor allem für Jüngere (unter 40-Jährige), Einkommensschwache sowie größere Familien. Über 60-Jährige zeigen sich indessen gelassener.
Auf die Frage, was sich als Reaktion auf die Krise ändern sollte, gab eine überwältigende Mehrheit an: Der gesellschaftliche Zusammenhalt solle gestärkt werden. So sind 85 Prozent der befragten Bundesbürger für eine stärkere Solidarität zwischen Alt und Jung, über 80 Prozent für einen erhöhten Ausgleich zwischen Arm und Reich, und über 57 Prozent für eine verbesserte Integration von Migranten. Die Lösung für die empfundene wachsende Ungerechtigkeit soll also dem Wunsch der Mehrheit zufolge in der Solidarität gesucht werden, die Menschen haben Sehnsucht nach einem "mehr an gesellschaftlichem Zusammenhalt", so Osterwinter. Gleichzeitig sind die Befragten jedoch auch skeptisch, ob die Wirtschaftskrise den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken wird. Nur 45 Prozent zeigen sich davon überzeugt, die Mehrheit mit 53 Prozent ist hingegen pessimistisch.
Auch ein Umdenken bei den Unternehmen bezweifelt ein Gros der Befragten. Die große Mehrheit der deutschen Bundesbürger (60 Prozent) glaubt nicht, dass Unternehmen ihre Unternehmenspolitik in Zukunft mehr als bisher an einer längerfristigen Wohlstandssicherung ausrichten. Nur 37 Prozent sind der Meinung, dass die Unternehmen ihre Ziele neu justieren würden. Menschen mit hohem Bildungsgrad sind besonders skeptisch.
Dabei habe "die Krise in erster Linie mit fehlender Nachhaltigkeit zu tun", wie Osterwinter hervorhebt. Wobei Nachhaltigkeit hier nicht nur eine Nachhaltigkeit im ökologischen Sinne meint, sondern eine Art "zu leben und zu arbeiten, die langfristig für alle und das System nachhaltig ist", die damit neben der ökologischen auch eine ökonomische und soziale Nachhaltigkeit umfasst. Diese Form der Nachhaltigkeit kostet auch Geld - laut Osterwinter sei aber ein anderes System, auf kurzfristiges Denken und Handeln ausgerichtet, auf Dauer selbstdestruktiv.
Soziale Nachhaltigkeit umfasst ferner auch eine nachhaltige Personalpolitik - doch auch diesbezüglich gibt es nur optimistische 38 Prozent, die annehmen, dass Unternehmen zukünftig verantwortlicher mit ihren Mitarbeitern umgehen und auf ihre Fachkräfte achten werden.
Das einzige Thema, bei dem viele Deutschen eine generelle Neuorientierung zu mehr Nachhaltigkeit sehen, ist die Ökologie. Knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gibt an, dass sie der Ansicht sind, dass die Gesellschaft aufgrund der Krise besser als bisher auf den Erhalt der Umwelt achten oder mit Energie und Rohstoffen haushalten wird.
Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung deutet die Ergebnisse der Befragung auch als Anzeichen für einen Mentalitätswechsel: "Wir sehen auf der einen Seite deutlich das Ausmaß der Verunsicherung der Menschen und ihre Sehnsucht nach alten oder neuen Sicherheiten. Es gibt da verständlicherweise den Rückzug in das Persönliche und Verlässliche. Aber interessanterweise mündet der Wunsch nach Sicherheit und Gerechtigkeit bei der großen Mehrheit nicht in egoistische Lösungen auf Kosten von Randgruppen wie Migranten, sondern in Forderungen nach mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt und Ausgleich." Daraus leitet Thielen auch eine Handlungsempfehlung für die Politik ab: "Die Politik sollte dieses erkennbare Potenzial zur Solidarität nutzen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf allen Ebenen fördern."
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Die deutschen Bundesbürger sehen also die Notwendigkeit zu einem nachhaltigeren Wirtschaften und Leben, sind aber skeptisch, ob dies auch umgesetzt wird. Daraus allerdings einen Paradigmenwechsel abzulesen - dafür ist es laut Norbert Osterwinter noch zu früh.