Bundespräsident Horst Köhler hat die internationalen Finanzmärkte als "Monster" bezeichnet, das "in die Schranken gewiesen werden muss". Im gleichen Atemzug kritisierte Köhler die exorbitant hohen Managergehälter und das Geschäftsgebaren deutscher Banken. Für seine deutlichen Worte musste sich Köhler Kritik anhören – die einen werfen ihm Populismus vor, die anderen Kalkül angesichts der Bundespräsidentenwahl in ziemlich genau einem Jahr.
"Offen will ich sein - und notfalls unbequem": So lautete der Titel eines 2004 erschienen Buches, in dem Gespräche von Horst Köhler mit dem ehemaligem FAZ-Mitherausgeber Hugo Müller-Vogg nachzulesen waren. Der Bundespräsident hat mit der Kritik an den weltweiten Kapitalmärkten einmal mehr bewiesen, dass er seine damaligen Worte ernst nimmt.
In der heute erschienen Ausgabe des 'Stern' redet Köhler Tacheles über die Folgen der internationalen Finanzkrise: „Jetzt muss jedem verantwortlich Denkenden in der Branche selbst klar geworden sein, dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss." Einmal in Fahrt, griff der Bundespräsident die Finanzwelt unverblümt deutlich an: „Sie hat sich mächtig blamiert. Und ein klar vernehmbares mea culpa vermisse ich noch immer."
Den Finanzmanagern erklärte Köhler den Kapitalismus, bei dem es nicht nur darum gehe, Rendite einzufahren, sondern vor allem, mit Risiko umgehen können: „Die Überkomplexität der Finanzprodukte und die Möglichkeit, mit geringstem eigenen Haftungskapital große Hebelgeschäfte in Gang zu setzen, haben das Monster wachsen lassen." Ganz offensichtlich hätten die Banker so viele Derivate geschaffen, dass sie am Ende selbst nicht mehr verstanden hätten, wie diese wirkten, zweifelte Köhler an der Intelligenz der Finanzmanager.
Auch die Banken sparte Köhler in seiner Tirade nicht aus: „Die meisten Landesbanken haben offensichtlich kein tragfähiges Geschäftsmodell", forderte der 65-Järhige zugleich eine strategische Überprüfung des deutschen Finanzsektors. Die beste Lösung sei, die deutschen Landesbanken zu einer zentralen Bank der Sparkassen zu fusionieren. Aber auch die privaten Banken sollten sich „in einer Form konsolidieren, dass wir uns auf sie verlassen können", forderte Köhler.
Köhler stieß mit seiner Ohrfeige für die internationalen Finanzmärkte nicht auf ungeteilte Zustimmung. Der Börsenexperte Wolfgang Gerke nannte Köhlers Worte in einem Gespräch mit ''Spiegel Online' „populistisch" und „wenig hilfreich". Gerke ärgert besonders die „pauschale Kritik". „Das bringt uns nicht weiter." Der Vergleich mit einem „Monster" sei genauso wenig hilfreich wie der Begriff der „Heuschrecken" für Private-Equity-Firmen, den einst Ex-SPD-Chef Franz Müntefering prägte, so Gerke.
Zahlreiche Tageszeitungen unterstellen Köhler indessen, seine Kritik sei taktisches Kalkül: in einem Jahr stellt sich der Bundespräsident zur Wiederwahl. „Der Präsident wirbt um neue Freunde in der SPD" schreibt die Financial Times Deutschland.
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Vor dem Hintergrund von Köhlers Werdegang erhalten die Worte des Bundespräsidenten allerdings noch stärkeres Gewicht. Der CDU-Politiker war von 1990 bis 1993 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und anschließend fünf Jahre Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Zwischen 1998 und 2000 leitete er die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Höhepunkt seiner Karriere in der Finanz- und Währungspolitik war seine vierjährige Amtszeit als Direktor des Internationalen Währungsfonds.