DJ UPDATE: Deutsche Produktion und Exporte verlieren an Fahrt
(NEU: Zusammenfassung von Produktions- und Handelsdaten, Kommentare von Volkswirten)
FRANKFURT (Dow Jones)--Schwache Wachstumsraten im produzierenden Gewerbe sowie ein verlangsamter Anstieg der Exporte deuten an, dass der deutsche Wirtschaftsaufschwung im Juli etwas an Fahrt verloren hat. Wie das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) am Mittwoch auf Basis vorläufiger Daten mitteilte, erhöhte sich die Erzeugung gegenüber dem Vormonat um lediglich 0,1%. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten dagegen einen Anstieg um 1,0% prognostiziert.
Für die BMWi-Experten ist die Entwicklung "nicht überraschend". "Nach der außerordentlich kräftigen Frühjahrsbelebung war zu erwarten, dass das produzierende Gewerbe wieder eine ruhigere Gangart einschlägt", kommentierten sie die Juli-Produktionsdaten.
Der Erholungsprozess in der Industrie dürfte sich aus BMWi-Sicht jedoch fortsetzen. Hierauf weisen ihrer Ansicht nach der aufwärts gerichtete Trend der Auftragseingänge, die Entwicklung des Auftragsbestandes und die einschlägigen Stimmungsindikatoren hin. Allerdings werde sich die Erholung wohl verlangsamen, hieß es aus dem BMWi.
Diese Einschätzung deckt sich mit der vieler Volkswirte. So bewertet Alexander Krüger, Leiter Kapitalmarktanalyse bei Bankhaus Lampe, den geringen Zuwachs bei der Produktion als Verschnaufpause: "Der Aufschwung ist deswegen nicht zuende, aber von den hohen Zuwachsraten im ersten Halbjahr müssen wir uns verabschieden."
Laut UniCredit-Volkswirt Alexander Koch sollten die jüngsten schwächeren Produktionszahlen während der Haupturlaubszeit nicht übermäßig negativ betrachtet werden. "Ihnen ging ein Quartal mit der stärksten industriellen Dynamik seit der Wiedervereinigung voraus. Eine Atempause oder ein begrenzter Rückgang im Sommer erscheint deshalb nicht ungewöhnlich." Bislang gebe es keine Anzeichen für ein Ende des grundsätzlichen Aufwärtstrends in den kommenden Monaten, erklärte Koch. "Wenn man die Möglichkeit eines double dip der Weltwirtschaft außen vor lässt, so dürften die gut gefüllten Orderbücher vorerst für eine solide industrielle Aktivität sorgen."
Für Nord/LB-Ökonom Mario Gruppe bedeuten die jüngsten Zahlen zur Industrieproduktion "die Rückkehr zur Normalität". Das Auslaufen stützender fiskalpolitischer Maßnahmen führe dazu, dass sich die Wirtschaft in den kommenden Monaten erstmals nach der Krise einem 'Test unter realen Bedingungen' unterziehen müsse. "Wir halten die deutsche Volkswirtschaft hierfür aber auf jeden Fall gut gerüstet."
Die nahezu stagnierende Produktion im produzierenden Gewerbe im Juli ist vor allem auf Rückgänge bei der Erzeugung von Investitionsgütern zurückzuführen. Die Hersteller von Investitionsgütern mussten ein Minus von 0,7% hinnehmen. Demgegenüber wurde die Erzeugung im Bauhauptgewerbe um 0,9% ausgeweitet. Die Produzenten von Konsumgütern konnten ihre Erzeugung um 0,5% und die von Vorleistungsgütern um 0,4% steigern. Damit blieb die Industrieproduktion insgesamt im Juli unverändert. Die Energieerzeugung verringerte sich um 0,1%.
Wie ebenfalls am Mittwoch berichtet wurde, ist der deutsche Handelsbilanzüberschuss im Juli unbereinigt wie erwartungsgemäß leicht gesunken. Die Ausfuhren stiegen im Vergleich zum Vorjahresmonat nicht mehr ganz so stark wie in den beiden Vormonaten. Der Außenhandel verzeichnete nach vorläufigen Ergebnissen einen Überschuss von 13,5 Mrd EUR, nach einem Plus von revidiert 14,2 (vorläufig: plus 14,1) Mrd EUR im Vormonat. Dies entspricht Ausfuhren im Wert von 83,0 Mrd EUR und Einfuhren von 69,5 Mrd EUR.
Mit einer Jahresrate von 18,7% hat sich das Wachstum der Exporte im Vergleich zu den vorangegangenen Monaten deutlich abgeschwächt. Im Juni hatte der Anstieg auf Jahressicht noch 28,4% und im Mai 28,8% betragen. Die Importe legten 24,9% zu, nach einem Plus von 31,4% im Juni. Gegenüber dem Vormonat gingen die Ausfuhren im Juli kalender- und saisonbereinigt sogar um 1,5% zurück und die Einfuhren gaben um 2,2% nach. Der saisonbereinigte Handelsbilanzüberschuss nahm im Juli auf 12,7 (Vormonat: 12,4) Mrd EUR zu. Nach Einschätzung von Barclays-Volkswirt Thorsten Polleit minderte der Außenhandel die Quartalsveränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts damit um 0,4 Prozentpunkte.
Die günstige Nachfragesituation spreche dafür, dass der Aufwärtstrend weiter anhalten werde, erklärte Simon Junker von der Commerzbank. "Allerdings wird sich das Tempo allmählich verlangsamen: Der Welthandel dürfte nämlich nach den bis zuletzt kräftigen Zuwächsen etwas an Fahrt verlieren."
Unter Berücksichtigung der Ergänzungen zum Außenhandel (minus 1,3 Mrd EUR), den Salden für Dienstleistungen (minus 3,1 Mrd EUR), Erwerbs- und Vermögenseinkommen (plus 3,4 Mrd EUR) sowie der laufenden Übertragungen (minus 3,6 Mrd EUR) schloss die Leistungsbilanz im Juli - nach vorläufigen Berechnungen der Deutschen Bundesbank - mit einem Überschuss von 9,0 Mrd EUR. Analysten hatten einen positiven Saldo von 11,0 Mrd EUR erwartet. Im Juni hatte die Leistungsbilanz einen Überschuss von revidiert 12,7 Mrd EUR verzeichnet.
Wie Postbank-Ökonom Heinrich Bayer feststellte, verstärken sich die Hinweise, dass die konjunkturelle Dynamik in der Industrie und auch in der Gesamtwirtschaft ihren Höhepunkt überschritten hat. "Die bislang für Juli veröffentlichten Daten fielen durchweg schwächer oder höchstens verhalten aus - gestern waren es die Aufträge, heute Morgen die Exporte und Importe und jetzt die Produktionszahlen. Hieraus bereits auf eine nachhaltige Eintrübung der Wirtschaft zu schließen, wäre aber verfrüht", erklärte Bayer.
Webseite: www.bmwi.de
-Von Beate Preuschoff und Mark Lempp, Dow Jones Newswires, +49 (0)69 29725 300, konjunktur.de@dowjones.com DJG/bep/mle/hab
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September 08, 2010 08:10 ET (12:10 GMT)
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