Dass das Führen eines Formel-1-Teams heutzutage mehr beinhaltet als alle Schraubenschlüssel in die richtige Werkzeugkiste zu sortieren, wurde in der abgelaufenen Rennsaison wohl deutlicher denn je. Wenn sogar ein derart abgebrühtes Kaliber wie McLaren-Teamchef Ron Dennis unter Last des Druckes von außen in Tränen ausbricht und beinahe in die Knie geht, wird einem bewusst mit welcher Tragweite wir es zu tun haben.
In den Anfängen des Grand Prix Sports orientierte sich die Farbgebung der Wagen an den Nationalitäten - Grün (Commonwealth), Rot (Italien), Blau (Frankreich). Für die Rennsaison 1968 ließ Teameigner Colin Chapman den Lotus 49b von Graham Hill im Rot/Weiß der Zigarettenmarke Gold Leaf lackieren und sorgte mit diesem ersten Werbeanstrich für Aufsehen.
Seit der Kommerzialisierung der Formel 1 nahm die Transformation der Eliteklasse des Motorsports vom reinen Sport zum weltumspannenden Business eine rasante Entwicklung. Gefördert durch die "gemäßigte Diktatur" von F1-Zampano Bernie Ecclestone, der den Formel-1-Zirkus im Haß-Liebe-Zusammenspiel mit FIA-Präsident Max Mosley führt, stieg die Rennserie zur uneingeschränkten Nummer 1 des Motorsports auf und wurde gleichzeitig ein eigener Wirtschaftsbereich.
Mensch im Mittelpunkt
Die Formel-1-Rennteams sind heute lauter kleine, miteinander konkurrierende Firmen. Einen solchen Rennstall zu leiten heißt heute viel mehr als noch zur Zeit der britischen Garagenschrauber Mitte der 70iger Jahre. Allerdings dreht sich das Geschäft laut Renault-Boss Flavio Briatore trotz allen High-Techs immer noch in erster Linie um die Leute, die darin arbeiten.
"Ich denke, die Herausforderungen sind immer noch die gleichen, auch wenn sich die Technologie verändert hat. Die Formel 1 ist ein Geschäft um Menschen. Man braucht immer noch die gleichen Führungsqualitäten und die gleiche Fähigkeit zu sehen, was sich im Business in kritischen Momenten verändern muss", so der Italiener. Sein Werdegang liest sich wie ein Filmskript: Der Sohn eines Lehrerehepaares absolvierte eine Ausbildung zum Landvermesser und hielt sich mit Gelegenheitsjobs als Skilehrer oder Restaurantmitbesitzer über Wasser.
Nachdem er sich erste Sporen als Versicherungsagent verdiente, arbeitete er mit dem berüchtigten Finanz- und Bauunternehmer Attilio Dutto zusammen, der bei einer Autobombenexplosion ums Leben kam. Briatore ging an die Mailänder Börse, wo er Leute wie Achille Caproni oder Luciano Benetton kennen. Allerdings geriet er zunehmend in Schwierigkeiten mit der italienischen Justiz und umging diverse Haftstrafen mit der Flucht in die Karibik. Nach einer Amnestie kehrte er straffrei zurück und wurde dank seiner Freundschaft zu Benetton schnell Manager des neuen Benetton Formel 1 Teams.
Teamwork ist gefragt
"Ein Team ist nur so stark wie die Summe seiner Mitglieder. Was für Fahrer, Ingenieure und Mechaniker gilt, behält auch bei den Verantwortlichen des Teams seine Gültigkeit", erklärt BMW Motorsport Direktor Mario Theissen. Und wie Recht der deutsche Professor hat, beweist die Tatsache, dass Rivale Toyota bereits Unmengen an Dollarmillionen in sein Team gepulvert hat ohne auch nur eine Spur von Erfolg einzuheimsen.
"Bei Toyota wird nichts riskiert und außerdem haben die keinen Boss. Gehen Sie doch mal in deren Motorhome und sagen Sie mir, wer dort der Chef ist? Keine Ahnung? Genau. Dort gibt es keine Bezugsperson, die die Dinge ordnet", kritisiert Aguri Suzuki, der sein eigenes Team leitet.
Teamtechnisch muss Suzuki, ebenso wie der andere Ex-Pilot Gerhard Berger, kleinere Brötchen als die die "Quereinsteiger" Briatore oder Norbert Haug backen. Aber mit den beiden kleinsten und jüngsten Teams der Formel 1 - Super Aguri bzw. Toro Rosso - leisten beide Enormes. "Unser Team ist klein und kompakt, wie eine intakte Familie. Wir verstehen einander sehr gut und ergänzen uns. Ich habe von Technik keine Ahnung, daher gehe ich auch nicht her und erkläre meinem Ingenieur, was er tun soll. Ich habe nur eine Bitte, ich will Resultate sehen", bekräftigt der Japaner. Und auch Berger schlägt in dieselbe Kerbe: "Toyota oder Honda haben natürlich ganz andere Ressourcen, aber wir müssen mit unserem guten Gefüge und unserer Moral dagegenhalten. Wir müssen da sein, wenn die Großen Fehler machen."
Selektion und Transparenz
Laut Berger, aber auch Briatore, sind die Schlüsselfaktoren für den Teamerfolg "einerseits die Auswahl der richtigen Leute, und andererseits, die Schaffung der nötigen Transparenz." Dass sich auch Ron Dennis der Zeit anpassen und von seinem herrschaftlichen Führungsstil abrücken sollte, musste der 60-jährige Brite heuer auf leidvolle Weise erkennen. Nur mit Mühe bewahrte Dennis die Fassung, als sein Team die drakonische Strafe von 100 Millionen Euro für Werksspionage ausfasste, und alle WM-Zähler der Konstrukteurswertung verlor. Zu allem Überfluss verlor man dann auch noch die Fahrer-WM in letzter Sekunde.
"In Situationen wie diesen muss man zunächst in sich gehen und lernen, mit der Niederlage zu leben", verlautbarte der erfolgreichste F1-Team Manager kleinlaut mit leiser Stimme, blassem Gesicht und Tränen in den Augen. Dennis setzte seit jeher auf 'Diktatur'. Doch was ein Mika Häkkinen und ein David Coulthard vielleicht noch mit sich machen ließen, war dem Duo Alonso - Hamilton zu bunt.
Sie wollten wissen, woran sie sind, forderten von Dennis Ungeahntes, für ihn nahezu Unmögliches - Transparenz. Im Gegensatz dazu weiß Briatore, dass "man in einem Team auf jedem Level Transparenz braucht. Die Leute müssen ihre Ziele verstehen und wissen, wie sie sie erreichen." Dennis steht aufgrund seines antiquierten Führungsstils zusehends in der Kritik und sein potenzieller Nachfolger Martin Whitmarsh bereits in den Startlöchern.
Zeit ist Geld
Gleich wie auf der Strecke, drängt die Zeit auch abseits davon. Dies beginnt nicht erst bei der Reifenwahl oder der Rennstrategie, sondern schon viel früher im Winter, in der Entwicklungsphase des neuen Wagens. Ein Umstand, der auch Leuten innerhalb der Branche nicht immer klar ist: "Hätte ich ein wenig mehr über das Business gewusst, wäre ich wohl so besorgt gewesen, dass ich es nie geschafft hätte ein Team aufzustellen. Meine Naivität hat mir eigentlich geholfen. Und unter Zeitdruck bin ich immer gut", lacht Aguri Suzuki heute über seine Idee, ein F1-Team innerhalb von vier Monaten auf die Beine zu stellen.
Der Versuch ist geglückt, aber nicht immer klappt alles so reibungslos. Gerhard Berger weiß, dass "in der modernen Formel 1 alles sehr, sehr eng beisammen ist. Mit fünf Zehntel weniger auf der Uhr bist Du Zehnter." Und diese fünf Zehntel kann man bereits in der Fabrik wettmachen. Ein Rennteam ist wie ein Produkt, das man verstehen muss und wissen muss, wie man ein besseres schafft als der Gegner. "Man muss Veränderungen schnell erkennen und sich rasch anpassen. Man muss stets versuchen einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich denke zu viele Entscheidungen werden mit dem Herzen, aus dem Bauch heraus getroffen und die sind immer teuer", wittert Briatore Geldverschwendung.
Durst nach Siegen
Ein F1-Team zu leiten ist fürwahr keine leichte Aufgabe, doch der Durst danach scheint trotz des oft heftigen Gegenwindes weiterhin zu bestehen. Bestes Beispiel ist Briatore, der sich nach der Diagnose eines bösartigen Tumors 2006 vom Rennsport zurückziehen wollte. Er hatte genug Geld und Macht um auszusteigen, doch eine innere Kraft trieb ihn zum Weitermachen. "Mein Ansporn ist der Wunsch zu gewinnen. Wir sind allesamt wetteifernde Menschen und es gibt nichts Besseres als ein Team von Leuten zum Erfolg zu führen."
Und dieser Erfolg lässt einen nicht los. Bestes Beispiel ist die eben erst bekannt gewordene Rückkehr von Ex-Ferrari-Superhirn Ross Brawn, der für 2008 Teamchef bei Honda wird. Was alles auf ihn zukommen wird, beschreibt Suzuki treffend: "Teamchef sein hatte ich mir schon einfacher vorgestellt. Damals, als Fahrer, kam ich hin, stieg ein und fuhr los. Als Teamchef gibt es so viele Managementaufgaben, sogar um die Teamkleidung muss ich mich manchmal kümmern. Ich bin viel mehr ein Firmenchef." Aber dennoch lächelt der Japaner bei seiner Beschreibung und gibt zu: "Aber ehrlich, es gibt nichts Schöneres als dann Erfolg zu haben!"