Nach den heftigen Ausbruchseskapaden á la Oliver Kahn am Sonntag im Spiel gegen Norwegen (24:25) will der wieder zur Ruhe gefundene deutsche Handballtrainer Heiner Brand von seiner Truppe einen Sieg und damit den Einzug ins Halbfinale der WM 2009 sehen. Doch das könnte sich für die DHB-Auswahl zu einer schwierigeren Aufgabe entwickeln als gedacht: Der Gegner des amtierenden Weltmeisters ist nämlich niemand anderes als der derzeitige Europameister.
So haben Experten und Fans den Mann aus dem nordrhein-westfälischen Gummersbach noch nie erlebt. Wie ein kleines Rumpelstilzchen, das von einem Schwarm wild stechender Wespen verfolgt wird, hüpfte der deutsche Bundestrainer Heiner Brand am Sonntag Abend in der Halle umher und machte seinem Ärger so richtig Luft. Bei der denkbar knappen Niederlage gegen Norwegen (24: 25) fühlte der sonst so stoisch wirkende Trainer seine Mannschaft von den Schiedsrichtern offensichtlich so stark benachteiligt, dass er mit puterrotem Gesicht und geballten Fäusten auf die Unparteiischen losging. Kurz darauf entschuldigte sich der 56-Jährige mit dem Schnauzbart für seinen emotionalen Wutanfall.
„Das war ein Ausbruch der Ohnmacht", kommentierte Brand, der eingestand, selber erschrocken gewesen zu sein, als er die Bilder im Fernsehen sah. „In meinem Alter ist die Kraft in der rechten Geraden aber auch nicht mehr vorhanden", scherzte der Bundestrainer. Doch auch einen Tag nach der spektakulären Gefühlsexplosion bließ Brand den slowenischen Schiedsrichtern gehörig den Marsch: „In der letzten Szene war vieles möglich. Nur nicht das, was sie gemacht haben."
Die Spielleiter Nenad Krstic und Peter Ljubic hatten in der Schlußphase für erheblichen Diskussionsstoff gesorgt, als sie die Ausführung eines Einwurfes der deutschen Mannschaft bis zum Ablaufen der Uhr in die Länge zogen und somit die Chance auf den rettenden deutschen Ausgleich zerstörten. Mit Konsequenzen für seinen unkontrollierten Ausfall muss der Bundestrainer wohl nicht mehr rechnen. „Uns liegt kein Bericht vor. Normalerweise passiert da nichts mehr", teilte IHF-Generalsekretär Peter Mühlematter dem Sport-Informations-Dienst mit.
Nach der ersten WM-Niederlage im 14. Spiel und gleichzeitig dem ersten vergebenen Matchball für den Einzug ins Halbfinale soll die DHB-Truppe bei der Weltmeisterschaft in Kroatien heute doch noch ins Halbfinale stürmen. „Wir haben bei diesem Turnier mit Herz, Kampf und der richtigen Einstellung schon viel bewegt. Wir werden uns jetzt nicht geschlagen geben", schlug Brand vor dem entscheidenden Hauptrundenspiel im kroatischen Zadar den kämpferischen Ton an. Auch der neue Kapitän Holger Glandorf forderte von seiner Truppe Konzentration und Kampfmoral: „Wir müssen den Kopf wieder frei bekommen. Wir haben alles noch selber in der Hand."
Doch das Los für den amtierenden Weltmeister aus Deutschland ist hart. Gegen niemand Geringeren als den Europameister aus Dänemark muss die DHB-Auswahl in der Halle zeigen, wer in brenzligen Situationen die Nerven behält und in den zwei mal 30 Minuten die entscheidenden Tore wirft. Gewinnen die deutschen Handballer, lösen sie die Karte in das Vorschluss-Runde sicher ein. Selbst bei einem Unentschieden könnte die Mannschaft um Heiner Brand das Halbfinale noch erreichen. Bei einem Remis müsste allerdings Polen gegen Norwegen mindestens unentschieden spielen. Sogar eine Niederlage könnte zum Weiterkommen ausreichen, wenn neben einem polnisch-norwegischen Remis auch noch ein Sieg der Serben gegen Mazedonien hinzukommt.
„Damit beschäftigen wir uns aber nicht. Das Spiel ist für mich wie ein Viertelfinale. Wir wollen ins Halbfinale. Dafür werden wir noch enger zusammenrücken und richtig Dampf machen", lehnte Abwehrchef Oliver Roggisch alle rechnerischen Tricks im Vorhinein ab. Seinem Chef, Heiner Brand, machen jedoch die Verletzungssorgen wichtiger Stammspieler große Sorgen. Mit dem Ausfall von Kapitän und Spielmacher Michael Kraus wegen eines Außenbandrisses im Sprunggelenk geht dem Team „viel Qualität verloren". Die dänische Truppe tritt nach Brand deswegen „individuell und personell" mit der stärkeren Mannschaft zum fulminanten Showdown auf.
Der junge Martin Strobel soll den deutschen Führungsspieler auf seiner Position ersetzen. Angst hat der 22-Jährige vor der mit Spannung erwarteten Partie aber nicht: „Es ist ein ganz besonderer Ansporn, das Spiel zu gewinnen. Ich habe mich von Spiel zu Spiel gesteigert. Die Last liegt nicht allein auf meinen Schultern, sondern auf dem ganzen Team", gab der Lemgoer zu Bedenken. Neben Kraus müssen die deutschen Wurftalente auch um den zweiten Rückraumstar und Handballpunk Pascal „Pommes" Hens zittern. Der Einsatz des 28-Jährigen ist wegen einer Verhärtung im Oberschenkel noch fraglich. „Beim Gehen war Pascal beschwerdefrei. Wir werden noch einen Bewegungstest machen. Aber wir können zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, ob er spielen kann", erklärte Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier am Montag gegenüber 'sport.ard'.
Im bevorstehenden dritten Vergleich mit den Dänen innerhalb von zwölf Monaten stellte Brand unmissverständlich klar, dass die DHB-Auswahl als „große Auußenseiter" in das Spiel geht. Zuletzt scheiterten die deutschen Handballer bei den Olympischen Spielen in der Vorrunde (21:27) und bei der EM in Norwegen im Halbfinale (25:26) an den Favoriten aus Dänemark.
Derweil freut sich der dänische Coach Ulrik Wilbek schon auf „das dritte Drama in Folge gegen Deutschland". Dänemarks Linksaußenspieler Lars Christiansen zeigte zwar einen kleinen Anflug von Respekt vor dem deutschen Weltmeister: „Die deutsche Abwehr ist immer stark." Aber der Ausfall von Spielregisseur Michael Kraus bedeute eben doch „einen großen Vorteil" für den Europameister. „Er ist der Kopf der Mannschaft."
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Und auch wenn der in höchsten Tönen gelobte Krause nicht selbst aktiv auf dem Spielfeld stehen wird, wird der in der Halle auf den Zuschauertribünen seine Mannschaft dafür um so mehr anfeuern. Der 25-Jährige ist eigens zur Unterstützung seines Teams nach Zadar wieder eingereist und ließ seiner Reisemotivation keinen Raum für Spekulationen: „Ich will die Jungs ins Halbfinale peitschen." (sk)